Cover Story | Abschlag

Alle Achtung!

Bernd Wiesberger

Alle Achtung!
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Bernd Wiesberger kann Historisches schaffen und als erster Österreicher beim prestigeträchtigen Ryder Cup abschlagen. Auf dem Weg dorthin hat er in Dänemark souverän seinen achten Sieg auf der European Tour gefeiert.

Der Ryder Cup ist eines der größten Sportereignisse der Welt und bietet Drama, Spannung, unglaubliches Golf sowie großen Sportsgeist und zieht bei jeder Austragung ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt in seinen Bann. Es ist ein Ereignis, das über den Sport hinausgeht. Österreich war in der knapp 100-jährigen Geschichte des Ryder Cups (seit 1927 wurde er bislang 42-mal ausgetragen) immer nur in der Zuschauerrolle. Österreichs erfolgreichster Golfprofi ist aber auf bestem Weg, die rot-weiß-rote Fahne endlich auch beim Ryder Cup über die Fairways tragen zu dürfen. 2020 war Bernd Wiesberger bereits in Griffweite zum begehrten Ryder-Cup-­Ticket. Die Pandemie machte einer Austragung zum geplanten Zeitpunkt aber einen Strich durch die Rechnung. Das neue Datum für den Ryder Cup 2020 ist von 21. bis 26. September 2021. Der Austragungsort ist noch derselbe: Whistling Straits, Wisconsin, USA.

Das zwölfköpfige europäische Team setzt sich aus vier Spielern der europäischen Punkteliste und fünf Spielern der Ryder-Cup-Weltrangliste zusammen. Zudem hat Kapitän Padraig Harrington drei Wild Cards zur Verfügung, um seine Aufstellung zu vervollständigen. In den kommenden Wochen geht die Qualifikation erneut in die heiße Phase. Und der 35-jährige Burgenländer hat genau zum richtigen Zeitpunkt erneut Fahrt aufgenommen. Im HimmerLand Resort in der Nähe der dänischen Kleinstadt Farsø holte er sich auf beeindruckende Weise seinen achten Sieg auf der European Tour und verteidigt damit gleichzeitig zum ersten Mal einen Titel (2019 holte er in Dänemark den Titel, 2020 musste das Event aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden). Dabei holte er sein bestes Spiel just zu den Zeiten hervor, in denen er es dringend brauchte, und hatte, wenn benötigt, auch das Quäntchen Glück. Insgesamt war sein Auftritt aber geprägt von seiner ruhigen Herangehensweise und großem Selbstbewusstsein. Und das, obwohl Wiesberger mit den Ergebnissen zuvor nicht vollends zufrieden sein konnte – sein Spiel war allerdings oft besser, als es die Resultate haben vermuten lassen. Nach mehreren Wochen in den USA, wo er seine Weltranglistenposition nutzte, um an höher dotierten PGA-Tour-Turnieren teilzunehmen, konnte er aber gemeinsam mit den Coaches an den richtigen Stellschrauben drehen und die Batterien wieder aufladen.

Nun, nach dem verpassten Cut bei der PGA Championship in Kiawah Island, kam das Turnier in Dänemark genau zur richtigen Zeit. Denn die positiven Erinnerungen an den Sieg bei der Made in Denmark 2019 („Der Platz bringt das Beste in mir zum Vorschein“) lösten schnell die Anspannung, und Wiesberger konnte von Anfang an befreit aufspielen. „Es ist unglaublich. Ich hatte sieben Chancen, einen Titel zu verteidigen – bei den ersten sechs war ich leider nicht erfolgreich. Aber ich sage schon die ganze Woche: Ich fühle mich hier sehr wohl. Hier zu spielen, ist gut für mein Selbstvertrauen. Es ist ein spezieller Ort für mich.“ Mit dem Sieg festigt Wiesberger auch seinen Status als einer der Topspieler auf der European Tour. Immerhin konnten in den letzten zehn Jahren nur Kapazunder wie Rory McIlory und Dustin Johnson mehr Turniere gewinnen. Seit 2019 ist er mit nun vier Siegen überhaupt an der Spitze.

  • Das 16. Grün wird normalerweise von zahlreichen Zuschauer gesäumt. Heuer mussten sich die Spieler mit einem Fahnenmeer zufriedengeben.

Der Weg zum Ryder-Cup-Ticket ist zwar noch ein langer, der Sieg kann Wiesberger aber auch einen emotionalen Push für die kommenden Wochen geben, die für die Ryder-Cup-Qualifikation entscheidend sein werden (der Sieg zählt in der Rangliste bereits doppelt) – wenn man nicht auf einen Captain’s Pick hoffen will (wird in der Woche nach der BMW PGA Championship 2021 bekanntgegeben). Zudem eroberte er sich damit wieder einen Platz unter den top 50 der Welt und konnte sich vom Druck befreien, der sich in den letzten Wochen und Monaten angesammelt hat. Gar die Qualifikation für die U.S. Open stand in der Schwebe. Auch im Hinblick auf sein Fernziel US PGA Tour haben dieser Sieg und die nötige Verbesserung in der Weltrangliste eine Bedeutung. Und wirft man einen Blick zurück auf sein Comeback-Jahr 2019, als der Sieg in Dänemark der Auftakt zu einer fantastischen Saison war – mit zwei Siegen bei Rolex-Series-Events sind die Hoffnungen auf Österreichs ersten Ryder Cup Spieler mehr als berechtigt.

Angesprochen auf ein mögliches Debüt, meinte Wiesberger: „Es muss noch viel Golf gespielt werden. In erster Linie wollte ich eine gute Woche haben und wieder anfangen, besseres Golf zu spielen. Diese Woche hat es bei mir aber Klick gemacht. Die Zeit, euphorisch zu werden, kommt für mich also erst: Ich muss jedenfalls weiter gutes Golf spielen, aber klar würde ich meinen Namen gerne für einen Platz beim Ryder Cup in Stellung bringen. Das Wichtigste ist, dass ich noch ein paar Turniere so gut spiele, dann wird es sich von selbst regeln.“ Damit bei dem engen Turnierkalender in der heurigen Saison nichts schiefgehen kann, nimmt Österreichs Nummer eins heuer sogar von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen Abstand. Was ihm beim Ryder Cup in Whistling Straits zugutekommen könnte: Auf dem beeindruckenden Dünenkurs am Lake Michigan mit seinen über 1.000 Bunkern (darunter die berüchtigten tiefen Pot-Bunker) zählt vor allem die Genauigkeit vom Tee, um die Probleme abseits der ­Spielbahnen in Form von Rough und Co. zu umschiffen. Im Normalfall eine seiner Stärken.

Im Rennen um eines der Tickets ist aber auch noch Matthias Schwab, der heuer mit etlichen Top-Ten-Ergebnissen bereits auf sich aufmerksam machen konnte. Was ihm noch fehlt, um so richtig auf den Zug aufspringen zu können, wäre der verdiente erste Sieg bei einem European-­Tour-Turnier. Kaum vorstellbar, sollten sich beide Herren mit ihrem Spiel für einen Platz qualifizieren …

 

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GOLF REVUE Ausgabe 2/2021

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Fotos: Getty Images / Andrew Redington

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