Cover Story | Abschlag

„Wir leben in einem Paradies!“

Christine Wolf bereist mit der Ladies European Tour den Globus.

„Wir leben in einem Paradies!“
„Wir leben in einem Paradies!“
„Wir leben in einem Paradies!“

Christine Wolf bereist mit der Ladies European Tour den Globus und lebt erfolgreich ihre Leidenschaft. In Indien feierte sie jüngst ihren Premierensieg.

Wie es sich anfühlt, genau dort ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen, wo sie 2018 den Sieg noch am letzten Loch verspielte, was sie am Profilebenzu schätzen weiß, welche Ziele noch offen sind und warum Österreich ihr Paradies ist, hat uns die sympathische Tirolerin mit auf den Weg gegeben.

Wie hast du diese Drucksituation gemeistert, und wie war deine erste Reaktion?

Christine Wolf: Auf dem Platz in Indien habe ich mich von Anfang an richtig wohl gefühlt. Es ist ein schwieriger Platz, aber ein richtig guter Test für jeden Spieler. Sicher sind meine Gedanken ab und zu zum letzten Loch im letzten Jahr abgeschweift, aber sobald ich beim Ball war und mir den Schlag vorstellen konnte, war ich nur mehr auf den jetzigen Schlag fokussiert. Es war nicht einfach, denn die ganze Presse hat mich immer wieder darauf angesprochen, aber ich hatte ein Jahr Zeit, um es zu verdauen, und ich habe mich schon von der Abreise letzten Jahres wieder auf diese Turnierwoche gefreut. Ich habe die ganze Woche über meine Eisen und vor allem Wedges richtig gut getroffen und mir deshalb auch gedacht: Wieso sollte es jetzt bei diesem einen Schlag anders sein? Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Zu gewinnen war immer schon eines meiner Ziele, aber dann in Indien, auf genau dem Platz, der mich letztes Jahr viel Kraft und einige Lehrstunden gekostet hat, es dann wirklich durchzuziehen, war die beste Draufgabe.

Es heißt: Der erste Sieg ist immer der schwerste. Wo würdest du deinen ersten LET-Sieg einordnen?

Ich bin wirklich glücklich, dass ich bis zum Ende so solide gespielt habe. Marianne und Meghan haben beide dieses Jahr schon gewonnen, und ich wusste, dass sie Druck aufbauen würden. Ich habe die letzten Jahre schon öfters vorne mitspielen können, aber zum Sieg auf der LET hat es bis Indien noch nicht gereicht. Diesen Sieg ordne ich auf jeden Fall ganz oben in meiner bisherigen Karriere ein, vor allem eben auch aus dem Grund meiner Vorgeschichte mit diesem Platz.

Welche Ziele hast du dir noch gesteckt?

Das nächste Ziel sind Qualifikation und Teilnahme für Tokyo 2020. Längerfristig denke ich schon an den Solheim Cup – vor allem, wenn man den Erfolg dieses Jahres sieht, dann will man schon ein Teil davon sein.

Was erwartest du vom Turnier in Japan?

Nachdem Japan ein golfbegeistertes Land ist, denke ich, dass die Zuschauerzahlen auf jeden Fall größer sein werden, als sie es in Rio waren. Ich finde es schade, dass es kein Matchplay-Format (Mixed oder auch Einzel) geben wird, aber denke dennoch, dass es ein super Event wird und dem Golfsport weiterhelfen wird.

Wie lautet für dich das richtige Mindset?

Je relaxter ich bin, desto mehr geht. Wenn ich anfange, zu viel zu wollen, dann fange ich an, zu verkrampfen. Außerdem ist Spaß immer ein großer Faktor. Für viele Golfer zählt zumeist nur der Sieg.

Was ist für dich ein erfolgreiches Turnier?

Wenn ich mit meinem Spiel zufrieden bin. Denn dann fehlt meist wirklich nur mehr der ein oder andere Putt, um dann ganz oben zu stehen.

Wenn die Dinge nicht so gut laufen, wie gehst du mit Rückschlägen um?

Da ist es wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Ich bin froh, eine super Familie und einen super Trainerstab um mich zu haben, die voll und ganz hinter mir stehen – egal, wie es am Platz läuft.

Wo siehst du noch Verbesserungspotenzial?

Auch wenn ich meine Puttleistung die letzten eineinhalb Jahre verbessern konnte, gibt es da schon noch ein gutes Potenzial auf Verbesserung. Außerdem habe ich oft einen schlechten Schlag, der mich dann richtig viel kostet.

Was schätzt du an deinem Beruf am meisten?

Ich genieße es, so ziemlich das ganze Jahr im Sommer unterwegs zu sein. So sehr ich weiße Weihnachten zu Hause liebe, so sehr freue ich mich dann im Jänner, wenn es wieder in wärmere Gebiete geht. Außerdem habe ich richtig gute Freundschaften mit ein paar Mädels auf der Tour geschlossen, und das ist etwas, was man erst zu schätzen lernt, wenn man mal länger unterwegs ist.

Wie gehst du mit Reisestress, Hotelzimmer- Nächten weit weg von zu Hause etc. um, und wie erholst du dich von den anstrengenden Wochen auf der Tour?

Für mich ist das Reisen eigentlich nicht so stressig, nachdem ich meist noch vor dem Start des Flugzeugs wegschlafe, aber trotzdem versuche ich, früh genug anzureisen, um meinem Körper die Akklimatisierung möglichst leicht zu machen. Wenn ich dann mal zu Hause bin, dann gehe ich am liebsten auf die Berge. Da kann ich klar denken, die gute Berg luft einatmen und einfach den Moment genießen – wir leben schon in einem Paradies bei uns in Österreich!

Der Turnierkalender der LET hat einige Lücken. Wie kommt man dabei in einen ordentlichen Spielfluss, und wie verbringst du deine Zeit zu Hause?

Auch wenn wir einige Lücken hatten, war ich gar nicht so viel zu Hause. Ich wurde zu einigen Pro-Ams in die Schweiz eingeladen, außerdem konnte ich so die Zeit gut nutzen und mit Steve Waltman an einigen Dingen arbeiten.

Was ist dir abseits des Platzes wichtig?

Familie, Freunde, und ich verbringe so viel Zeit wie möglich in der Natur.

Die GOLF REVUE hat heuer auch dem Thema Kunst viel Aufmerksamkeit geboten. Wie würdest du die Kunst des Golfspiels beschreiben?

Wie auch bei Musikern oder Malern spielt sich beim Golf sehr viel im Kopf ab. Man stellt sich den Schlag vor, wie er sich anfühlt, wie er fliegt, wie er sich in der Luft bewegt, wo er landet usw. Bei Musikern wird die Melodie auf ein Notenblatt niedergeschrieben. Maler bringen ihre Visionen auf Papier, Leintuch oder Leinwand. Beim Golf führen wir unsere Vorstellung mit dem Schlag aus. Jeder Schlag ist einzigartig.

Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe zum Nachlesen im E-Paper Format:
GOLF REVUE Ausgabe 4/2019

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„Wir leben in einem Paradies!“

Fotos:
© GEPA pictures/ Andreas Pranter
© LET/Tristan Jones

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