Cover Story | Kultur

Hermann Nitsch – Farbgewaltig

Nitsch gestaltete das aktuelle Cover und gewährte Einblick in sein Atelier.

Hermann Nitsch – Farbgewaltig
Hermann Nitsch – Farbgewaltig
Hermann Nitsch – Farbgewaltig

Text: Silvie Aigner / Fotos: Christian Jungwirth

Hermann Nitsch

Hermann Nitsch ist ein Künstler, der alle Sinne anspricht. Mit dem Orgien Mysterien Theater schuf er ein zeitgenössisches Gesamtkunstwerk, das das breite Spektrum seiner Kunst umfasst, indem es den Einsatz aller Sinne erfordert. Bereits Mitte der 1950er-Jahre, als Nitsch als Grafiker im Technischen Museum tätig war, begann er mit der Grundidee des Orgien Mysterien Theaters. Durch die Auseinandersetzung mit der Malerei des Informel gelang es ihm, die von ihm angestrebte Tiefe und überzeugende Gefühlsintensität zu vermitteln. Sie ist zutiefst im Aktionismus, in der Performance, in der Multimedialität verankert und der Ursprung der Aktionen und zugleich ihr Ergebnis. „Meine Malerei wurde sehr beeinflusst vom internationalen Informel, wie sie Künstler wie Mathieu, Rainer, De Konig, Tàpies, die 1959 im Wiener Künstlerhaus gezeigt wurden, entwickelten.

Die Farbe als Materie

Hier ging es darum, dass man sich nicht um den Farbklang bemüht hat, sondern vielmehr um die Materie. So habe ich von Anfang an die Farbe nicht als Klang begriffen, sondern als Farbsubstanz, als Farbmaterie, die verschmiert werden kann, verspritzt werden kann, man kann in die Farbpaste, in den Farbschleim wie in Eingeweide hineingreifen. Die Auseinandersetzung mit dieser sehr sinnlichen Malerei, die nicht mehr gegenständlich ist, sondern ein Umgehen mit konkreter Malerei, war für mich der Ansatz für meine Aktionen. Das sinnliche Erlebnis, das der Maler vor der Bildfläche hat, ist bereits die Vorstufe zu jenem Erlebnis, das in der Folge die Akteure und die Zuschauer bei den Aktionen haben.

Silvie Aigner und Hermann Nitsch
Silvie Aigner und Hermann Nitsch
Der Maler als Akteur

Der nächste Schritt ist, wenn der Maler tatsächlich zum Akteur wird, die Bildfläche verlässt und anstelle von Farbe Blut verwendet und Eingeweide und Fleischsubstanzen einsetzt. So stellt die Malerei die erste Stufe meines Theaters dar.“ Nitsch bezeichnet das Ausweiden des Tieres als Malakt und auch als bildhauerische Auseinandersetzung. „Die Eingeweide, die Gedärme, die Organe sind Körper und ist nicht nur etwas, das auf einer Fläche verteilt wird wie ursprünglich die Farbe. Nein, es ist die Wirklichkeit. Es ist jene Malerei, die ich meine. Sie geht über die eigentliche Malerei hinaus und beansprucht den realen Akt. Der Maler geht dazu über, mit realen Substanzen wie Milch, Essig, Wein, Blut oder Fleisch die sinnliche Sensationen des Riechens, Tastens und Schmeckens auszuloten. In der Inszenierung derartiger realer Geschehnisse löst sich die Kunst von der Aufgabe der Abbildung und Darstellung.“ Ein wesentlicher Bestandteil dabei ist das Relikt. Die weißen Hemden, die Tragbahren oder Kleider der Akteure werden, so Nitsch, „durch den Zufall oft viel schöner und viel spontaner befleckt, als es der Malakt möglich macht. Sie seismografieren das Geschehnis meines Theaters.“ Die Relikte sieht er nicht als Symbole, auch wenn er verstehen kann, dass sie durch die Zuseher in einen religiösen oder philosophischen Kontext gesetzt werden. „Ich kann mir vorstellen, welche Symbolbezüge die Leute herstellen. Aber die Betonung ist – und das bezieht sich auf meine ganze Arbeit: Es ist das, was es ist. Und der Umstand, dass es IST – das SEIN –, das ist für mich das Allerwichtigste. Der Symbolzauber ist sehr faszinierend, und in gewissem Sinne spiele ich vielleicht auch damit, aber er wird von mir im direkten Sinne nicht eingesetzt…

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Hermann Nitsch – Farbgewaltig