Cover Story | Abschlag

Blind golfen?!

Viele Golfer und potenzielle Disabled Golfer fragen sich, ob Menschen mit einer körperlichen Behinderung überhaupt Golf spielen können und, wenn ja, wie. Kein Problem! Blindengolferin Karin Becker macht Schluss mit Vorurteilen.

Blind golfen?!
Blind golfen?!
Blind golfen?!

Fotos: Christian Forcher

Golf spielen mit körperlichen Behinderung

Für die meisten Menschen sind „weiße Flecken“ heutzutage nur mehr eine Metapher für unbekannte Wissensgebiete. Karin Becker hat eine andere Wahrnehmung: „Kleine weiße Flecken“ sind ihre Leidenschaft. Denn ÖGV-Nationalteamspielerin Becker ist fast blind (betroffen ist hauptsächlich die zentrale Sehschärfe) und geht mit großer Hingabe dem Golfsport nach – Golfbälle nimmt sie dabei nur als „kleine weiße Flecken“ wahr. „Ich sehe auch nicht die Mitte des Schlägers, deswegen muss mein Guide den Schläger genau ausrichten und hoffen, dass ich ihn dann auch dort lasse“, erzählt uns Frau Becker bei einem Treffen im wunderschönen Ambiente des 9-Loch Platzes des Golfclubs Innsbruck-Igls (in Lans gelegen). Und der Erfolg gibt ihr Recht. Nicht nur national (z. B. mehrfache Staatsmeisterin), sondern auch international (z. B. Sieg bei den British Blind Open 2018) sorgt sie am Golfplatz regelmäßig für Furore.

“Habe es mir nicht vorstellen können”

Das Golffieber gepackt hat Becker vor neun Jahren. Zu diesem Zeitpunkt musste sie aufgrund einer Makuladegeneration (Morbus Stargardt) mit einer neuen Lebenssituation bereits umgehen lernen. „Ich habe mir lange Zeit nicht vorstellen können, dass ich Golf überhaupt spielen kann. Die meisten sehbehinderten Golfer haben mit dem Sport ja schon angefangen, als sie noch gut gesehen haben. Ich habe erst angefangen, als ich schon schlecht gesehen habe.“

Auf ihre restlich verbliebene Sehkraft verlässt sie sich dabei nicht: „Meine Augen blende ich total aus. Inzwischen frag ich mich nur noch: Wie fühlt sich das an? Und wenn man das Gefühl gefunden hat, muss man es abspeichern.“ Entscheidend ist dabei das Bewegungszentrum. Tiefs sind wie bei allen Golfern unumgänglich. Erst heuer musste Becker eine große Talsohle überwinden. „Wie muss ich mich hinstellen, wo liegt das Gewicht?“, alles schien in Frage zu stehen. Schlussendlich hat sie das Gefühl für ihren Schwung nach langwierigen Trainerstunden und einigen gewinnbringenden Tipps aus dem ÖGV-Trainerteam beim Trainingslager in Lignano wiedergefunden. „Ich habe heuer das zweite Mal mitfahren dürfen und finde das total super. Da kann man ganz viel voneinander profitieren.“

Karin Becker
Karin Becker im Interview
So spielt man blind Golf

Und so läuft die Schlagvorbereitung ab: Bei der Schlägerwahl hilft ihr ein GPS Tracker mit Audioausgabe. Ein simpler Klick, und das Gerät sagt die gewünschten Entfernungen an. Ist der richtige Schläger zur Hand, kommt ihr Guide Stephan – ein Mann ohne einschlägige Golferfahrung – ins Spiel. Nach einem neu erprobten Schema richten sie sich gemeinsam nach der Ziellinie und deuten mit dem Schläger in die gewünschte Richtung. Dabei soll zunächst ein Gespür für das angepeilte Ziel entwickelt werden. Der Versuch, mit Worten Punkte zu bestimmen, scheitert hingegen zumeist an einer unterschiedlichen Wahrnehmung. „Ich versuche, mir ungefähr zu merken, wo das sein soll. Das ist effektiver!“ Nach ein, zwei Probeschwüngen wird die Position eingenommen, und der Guide platziert den Schlägerkopf genau hinter dem Ball. Der letzte Check gilt erneut der angepeilten Richtung und ob sie noch mit der Ziellinie übereinstimmt. Gegebenenfalls hält der Guide den Schlägerkopf fest und sie dreht sich mit kleinen Tapsern in die entsprechende Position. Ob sie den Ball gut getroffen hat, sagt ihr aber nicht das Ergebnis, sondern Klang und Gefühl im Treffmoment. Ebenfalls sehr beeindruckend: das Putten.

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