Dienstag 14. August 2012, 10:06 Uhr

In der Hitze der Nacht [0]

Inspiriert von den Rennen in Le Mans veranstaltet ein motorsportverrückter Golf­enthusiast das wohl un­gewöhnlichste Turnier des Planeten: die „24 Stunden von Altentann“. Schlafentzug aber jede Menge Kampfgeist inklusive.

Markus Niedrist nestelt an seinem Hut herum, reißt ihn sich schließlich vom Kopf. Dann hüpft er vom einen Bein aufs andere, zappelt mit den Armen, ruft aus: „Ich hab was vergessen!“ und sprintet mit wehenden Haaren davon, die Treppe des Clubhauses hinauf. Einige Augenblicke später ist er zurück und bindet den staunenden Umstehenden Leuchtbänder um die Handgelenke. Es ist 21 Uhr an einem heißen Junisamstag im Golfclub Gut Altentann bei Henndorf am Wallersee, die Dunkelheit hat sich über die Berge geschlichen, möchte wie jeden Tag ihrer Aufgabe nachgehen und den Platz bis zum Morgengrauen unbespielbar machen. Rot und grün und blau beleuchtet, recken sich müde Unterarme in die Dämmerung. Zwei Runden Golf haben die Teilnehmer des von Niedrist organisierten Turniers bei brütender Hitze hinter sich gebracht. Normalerweise säßen die Spieler jetzt gemütlich auf der Terrasse vor dem Clubhaus und ließen den Abend entspannt ausklingen. Normalerweise gäbe es jetzt ein umfangreiches Dinner und nach einem guten Wein und langen Diskussionen über den Turnierverlauf ein vernünftiges Bett. Allein, dieses Turnier ist nicht normal. Es ist noch nicht beendet. Es fängt jetzt erst richtig an.

Im Jahr 2000 besuchte Markus Niedrist mit seiner Frau das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Er ist von der Atmosphäre, der schieren Länge und von der Tatsache, diesen Motorsportklassiker über die gesamte Dauer selbst miterleben zu dürfen, so begeistert, dass schon wenige Tage später ein Gedanke in ihm reift: Das muss doch auch mit Golf möglich sein. „Es ging mir dabei von Anfang an zwar auch um den Sport, aber ich habe in Le Mans gesehen, wie die Teams 24 Stunden lang agieren, wie sie zusammenarbeiten. Diesen Teamspirit, den wollten wir fördern“, erklärt Niedrist. Einige Jahre trägt er die Idee mit sich herum, muss allerdings auch feststellen, dass ein 24 Stunden währendes Golfturnier hohe organisatorische und vor allem finanzielle Hürden bereithält. Im Jahr 2010 schließlich, Eventmanager Niedrist hat sich mit eigener Firma selbständig gemacht, passt alles. Gut Altentann ist Schauplatz der ersten 24-Stunden-Golfchallenge, einer Veranstaltung, die von sich behaupten kann, weltweit einmalig zu sein. Und das Turnier kommt an, es findet im Jahr 2011 seine Fortsetzung – bei strömendem Regen und Temperaturen unter zehn Grad. „Bei diesem Wetter wurden Helden geboren“, lacht Niedrist und schüttelt sich bei dem Gedanken an die Kälte, von der bei der dritten Auflage 2012 rein gar nichts zu spüren ist.

Ein kleiner Hauch von Anarchie

Am Samstagmorgen um 11 Uhr steigt die erste Runde des Turniers. 19 Teams sind am Start, jeweils mit vier bis sechs Spielern, jeweils zwei treten in den insgesamt fünf Runden an. Gestartet wird mit 18 Loch Vierball Bestball, um 16.30 folgt ein Chapman-Vierer, die beiden Nachtrunden um 21.30 bzw. 1 Uhr werden als Scramble ausgetragen, die Schlussrunde am Sonntagmorgen ab 6 Uhr schließlich als Vierer mit Auswahldrive. Die Mannschaften sollen sich, das ist Niedrists Wunsch, in erster Linie nicht zu ernst nehmen. Hier wird zwar Golf gespielt, gleichzeitig hat das Ganze aber durchaus Spaßcharakter mit Leuchtmittelhintergrund. Das Team „Harley“ ist mit umgebautem Motorradanhänger angereist, in dem genächtigt werden kann. Niedrists Team, bestehend aus Henndorfer Golfveteranen, trägt den naheliegenden Namen „ChickenVillage“ und das Maskottchen, einen täuschend echt aussehenden Hahn, Tag und Nacht vor sich her.

Tag und Nacht ist auch Niedrist immer und überall. Er plaudert hier mit den rüstigen Damen des Teams „Die alten Tannen“. Er beordert dort Fred, seine rechte Hand auf dem Platz, an alle Stellen, an denen es so aussieht, als gäbe es etwas zu tun. Und nebenbei rast er während des sengend heißen Samstagnachmittags mit dem Cart über den Platz, verteilt Getränke, Lob und Tadel. Und unterbricht auch mal eine Runde am 17. Loch, weil es an der Zeit ist, mit den Damen und Herren den „Itsy bitsy teenie weenie Honolulu Strandbikini“ zu tanzen. In diesem Mann steckt noch sehr viel Kind. Und das muss vermutlich auch so sein, denn die Idee, 24 Stunden durch die Nacht Golf zu spielen, hat etwas Naives. Und trotz der professionellen, perfekten Organisation dieser 24 Stunden von Altentann, die Niedrist und sein Kompagnon Gerald Kienesberger auf die Beine stellen, liegt über dem Turnier ein kleiner, wohltuender Hauch von Anarchie. Als die Dunkelheit sich des Geländes bemächtigt hat, stehen rund um das Clubhaus Dutzende Bags, Loungemusik wummert aus den überdimensionierten und dennoch fehleranfälligen Boxen, kleine Runden sitzen an den Tischen zusammen und versuchen, die Hitze der Nacht mit kühlen Getränken abzuschütteln. Neben dem Clubhaus steht ein großes Zelt, darin Decken und zehn Liegen des Bundesheeres, darauf vereinzelt ermattete Golfspieler. Wenn man es nicht besser wüsste, man könnte das hier auch für eine luxuriöse Variante eines Jugendzeltlagers halten. Wenn allerdings der Blick um halb drei in der Nacht vom Clubhaus über die mit Fackeln beleuchteten Fairways hinüber auf die von sogenannten Powermoons beleuchteten Grüns schweift, mutet die Atmosphäre endgültig surreal an. Niedrist sagt: „Das sind Bilder, die muss man selber sehen. Wahnsinn. Ich habe 3.000 Fotos von Sonnenuntergängen in Kalabrien, aber das sind eben nur Fotos.“ Er weist mit ausladender Geste über den hügeligen Platz: „Und das hier ist zwar Kitsch. Aber so schön, dass ich schon bei dem Gedanken daran eine Gänsehaut bekomme.“

Tatsächlich: So etwas muss man erlebt haben. Fred sitzt mit Eishockeyhelm und Grubenlampe auf dem Cart und fährt letzte Kontrollrunden. Auch die Spieler der über neun Löcher ausgetragenen Nachtpartien sind ausgerüstet wie Bergarbeiter. Stirnlampen sind geradezu Pflicht, Taschenlampen haben Hochkonjunktur, ganze Schweinwerfer klemmen an den Bags. Leuchtbälle zischen rot und grün durch die Nacht – insbesondere die roten Bälle sind dabei nicht ganz zuverlässig und stellen viel zu oft viel zu früh das Leuchten wieder ein; so wird auch die Suche nach einem mitten auf dem Fairway platzierten Ball zur Herausforderung an den Geist in der Dunkelheit. Nähern sich die Flights den Grüns, wird es langsam Licht am Ende des Tunnels. Die Powermoons machen sogar ein sehr präzises Anspielen möglich, die meisten Aktiven wechseln, was erlaubt ist, vor dem Schlag ins Grün vom Leucht- auf einen regulären Ball. Und kaum ist das Loch mit immer größer werdender Müdigkeit zu Ende gespielt, muss der Leuchtball wieder ausgepackt werden. Es ist belustigend anmutig anzusehen, wie der große See an den Bahnen sechs und sieben im Laufe der Nacht immer wieder anfängt, aus sich selbst heraus rot und grün zu glühen. Um vier Uhr schleppen sich die Nachtspieler ins Clubhaus, einige richtiggehend fertig, andere völlig euphorisiert. Anton Schwarz vom Team „Wanger“ kann sich kaum beruhigen. „Das war fantastisch. Das war so toll, so eine Gaudi. Wenn wir nächstes Jahr wieder mitspielen, gebt mir alle Nachtpartien“, strahlt er in das Morgengrauen. Marshal Franz Grössinger, der das Turnier durch die Nacht begleitet hat, plagen derweil ganz andere Sorgen: „Wir sind zwar jetzt im dritten Jahr ein eingespieltes Team mit den Greenkeepern, die haben schon Routine. Aber wenn man jetzt über den Platz geht und sich die Divots anschaut – mei, das tut weh. Aber in der Dunkelheit kann die halt niemand zurücklegen.“ Zwischen vier und sechs Uhr wird der Platz gepflegt, dann geht es in die letzte Runde. Vor dem Clubhaus stehen Paul Stuppäck, 13, und Raphael Zippusch, 12, und reiben sich den Schlaf aus den Augen. Richtig wach sehen die beiden noch nicht aus, aber die Jungs wollen ihr in Führung liegendes Altentanner Jugendteam „The Bogey Boys and the Eagle Lady“ in der letzten Runde zum Sieg spielen. Paul gibt sich als alter Tourhase: „Wir gewinnen das. Das Adrenalin pusht uns weiter.“ Dann gähnt er. Raphael präsentiert seine am Vortag auf der Driving Range nahezu blutig trainierten Finger. Hier stehen zwei, die es wissen wollen.

Gänsehaut & „gähnende“ Leere

Im Lauf dieser letzten Runde steigt die Sonne über dem Flachgau auf und ersetzt die Hitze der Nacht durch noch mehr Hitze. Im Clubhaus ist es gegen sieben Uhr im wahrsten Wortsinn gähnend leer, auch die Spieler auf den Runden kämpfen jetzt mit der Belastung, die ungleich höher ist als üblich. Die Leuchtbänder an den Handgelenken halten offensichtlich nur ein paar Stunden, nichts leuchtet mehr. Vieles schläft allerdings. Um 11 Uhr sind die letzten Flights im Clubhaus. Clubgastronom Helmut Schinwald und sein Team haben die Aktiven mit insgesamt sechs Buffets durch die 24 Stunden gebracht und sind dafür noch weitaus länger auf den Beinen. Jetzt bereiten sie das Abschlussbarbecue vor, bei dem Niedrist mit dem ihm eigenen Elan, den er nach kurzer nächtlicher Schwächephase beim Powernap im Bundesheerzelt wiedergefunden zu haben scheint, zur Siegerehrung schreitet. Irgendwer muss den Bogey Boys und der Eagle Lady zugeflüstert haben, wer das Rennen gemacht hat. Sie lächeln schon. Und strahlen, als ihnen die Trophäe für den Sieg in der Nettowertung überreicht wird. Die Jugend hat das Team der Golfrevue und das Team „Schwentner Consulting“ auf die Plätze verwiesen. Dafür hat sich die Golfrevue die Bruttowertung geholt. Markus Niedrist und Clubvizepräsidentin Catarina Hofmann entlassen die Spieler in den Restsonntag und denken schon ziemlich konkret an das nächste Jahr. Einige Spieler gähnen heimlich. Markus Niedrist bekommt eine Gänsehaut.

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