Freitag 22. Juli 2011, 12:13 Uhr

Zuerst Karriere, dann Familie [0]

Ehrgeiz zählt zu den ganz großen Stärken der Steirerin, die zwischen den USA und Europa pendelt und für sich einen recht klaren Lebensplan gezeichnet hat. Der einzige nicht planbare Teil ist der Erfolg, erklärt Stefanie Michl.

GOLFREVUE: Nach deiner bislang besten Saison auf der LET im Vorjahr – Platz 35 in der Money List mit 69.946 € Preisgeld – scheint heuer ein wenig der Wurm drin. Oder sehen wir Journalisten zumeist nur Momentaufnahmen?

STEFANIE MICHL: Man kann nicht davon ausgehen, dass es automatisch jedes Jahr besser wird. Es geht mir persönlich darum, eine Steigerung meines Spieles zu erreichen, und das schlägt sich zumindest vordergründig nicht gleich auf die Resultate nieder. Ich schau mir am Ende des Jahres die Statistiken an und weiß, woran ich arbeiten muss.

GR: Aber reagiert man nicht automatisch auf Situationen, wenn es nicht ganz nach Plan läuft, und wartet nicht bis zum Ende des Jahres ab?
STM: Natürlich erkenne ich, wenn es in meinem Spiel irgendwo nicht passt. Auch während der Saison, und es sind zumeist die zu großen Formschwankungen. Aber mein Endziel ist es, insgesamt besser zu werden. Sonst komme ich nie an mein geplantes Ziel.

GR: Das da wäre?
STM: Ich weiß, dass ich sicher nicht bis  zu meinem 40sten Lebensjahr auf der European Tour spielen will.

GR: Das klingt ziemlich hart …
STM: Ja, ist es auch. Aber es geht darum, mein Spiel derart zu verbessern, dass ich dort Fuß fassen kann.

GR: Würde es nicht Sinn machen, einfach mal auf der LPGA Tourschool zu versuchen, die Karte zu holen?
STM: Das macht so lange keinen Sinn, bis ich spüre, dass ich gut genug dafür bin. Jetzt einfach dorthin zu fahren und auf ein Wunder zu hoffen, ist nicht die Art, wie ich mein Leben und meine Kar­riere plane.

GR: Was sind die Maßstäbe, die du da anlegst? Woran erkennst du, dass du gut ­genug für die LPGA Tour bist?
STM: Ich habe in meiner zweiten Heimat Florida mit Suzann Pettersen eine Spielerin, die schon auf der LPGA Tour etabliert ist. Da habe ich den perfekten Vergleich.

GR: Gibt es eigentlich einen Plan B in deinem Leben, solltest du deine Ziele nicht erreichen?
STM: Noch nicht. Denn ich bin derzeit noch ganz auf meine sportliche Karriere ­fixiert, und es gibt auch noch keine zeitlichen Limits. Bis auf eben die Tatsache, dass ich mit 40 nicht mehr auf der European Tour spielen will.

GR: Was war eigentlich dein Traumberuf als Kind, und würdest du den heute noch anstreben wollen?
STM: Einen meiner zwei Traumberufe übe ich ohnedies aus. Und das ist das ­Schöne in meinem Leben. Denn nicht jeder hat die Chance, seinen Traum zu leben. Und deshalb investiere ich dafür alles an Kraft und Zeit. Wäre ich nicht Golfpro geworden, hätte ich vielleicht Jus studiert und wäre Rechtsanwältin geworden.

GR: Das ginge eigentlich immer noch, oder?
STM: Was das Lernen betrifft auf jeden Fall. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, was diesen Beruf betrifft. Fakt ist: Mein Fokus ist ganz auf Golf gerichtet, und sollte ich meine ­Karriere beenden, weiß ich, dass ich binnen kürzester Zeit fast jedes Studium zu Ende bringen kann.

GR: Wie schwer fällt es dir eigentlich, dich beim Training zu motivieren?
STM: Grundsätzlich gar nicht. Das Problem, so komisch es auch klingen mag, ist das Alter. Es geht jetzt langsam mit den kleinen Wehwehchen los, und dann wird alles ein bisschen mühsamer.

GR: Die körperlichen Scharten sind das eine. Wie gehst du aber mit den vielen Tiefschlägen um, die Golf automatisch mit sich bringt – ein verfehlter Cut da, ein Absturz am Leaderboard dort?
STM: Das gehört beim Golf einfach zum ­täglichen Brot. Und wenn man einmal schlecht spielt, ist das eben so. Und ­jeder verfehlte Cut ist ein Lernprozess und versetzt mir einen Kick. Ich frage mich dann: Was machen die anderen besser? Wie komme ich dorthin? Und es motiviert mich, wenn ich dann immer wieder mit Spielerinnen auf die Runde gehen kann, die besser sind. Denn erst durch sie bekomme ich langsam eine Idee, wie gut ich selbst sein könnte. Auch das war ein langwieriger Prozess.

GR: Hast du aktuell einen Mentalbetreuer?
STM: Nein. Ich habe schon so viele Dinge durchgemacht in diesem Bereich und versuche es momentan alleine.

GR: Wie kann man sich das vorstellen?
STM: Einerseits lese ich viele Bücher zu diesem Thema, andererseits laufen auf dem amerikanischen Golfchannel ­Woche für Woche tolle Interviews mit Top-GolferInnen, die über ihre Kar­riere erzählen, und da pick ich mir die für mich interessanten Dinge heraus. Ich höre mir einfach an, welche Wege andere SpitzengolferInnen gehen oder gegangen sind.

GR: Und im Technikbereich?
STM: Da halte ich es im Moment ähnlich. David Leadbetter ist mehr oder weniger Geschichte, weil ich gesehen habe, dass mich das nicht weiter bringt. Auch da hatte ich einen großen Verschleiß an Coaches, und keiner konnte mir ­tatsächlich die Dinge beibringen, die für mich gut gewesen wären. Etliche Gespräche mit Kolleginnen haben mich im Entschluss bekräftigt: Ich kenn mich und meinen Schwung am besten, und am Platz kann mir ein Trainer sowieso nicht helfen.

GR: Im Vorjahr hattest du schon erwähnt, dass Kinder und Familie bei dir am Plan stehen – kannst du dir eine Karriere als Playing Mother vorstellen?
STM: Auf keinen Fall. Wenn, dann konzen­triere ich mich auf mein Kind und will es nicht Woche für Woche auf Tour-Events mitnehmen.

GR: Was immer kommen muss, ist die Frage nach deinen Erwartungen beim Heimspiel im Föhrenwald …
STM: Und was immer als Antwort kommen wird, ob UNIQA Ladies Open oder ­irgendein anderes Turnier: Ich gehe ­jeden Tag auf den Platz, gebe mein Bestes. Mehr geht nicht.

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