Freitag 22. Juli 2011, 12:35 Uhr

Alles im grünen Bereich [0]

Golf spielt sich zu 80 Prozent zwischen den Ohren ab! Davon weiß Nicole Gergely leidvoll selbst ein Lied zu singen. Nach ihrem Turniersieg 2009 in Frankreich ist plötzlich Ebbe in ihrem Kopf. Und der besten Saison ihrer Karriere ­folgen Monate der Krise. Per Neurofeedback soll nun alles anders werden.

Über feine Drähte wird beim Retense-Training mittels EEG die derzeitige Wellenlänge der Gehirn­tätigkeit gemessen

Nach einer mehr als durchwachsenen Saison heuer bin ich für jede Hilfe dankbar. Ich bin eine Gefühlsspielerin, und nach meinem Sieg hab ich bemerkt, dass alles viel zu technisch wurde, und ich hab mich ein wenig darin verrannt. Natürlich wird man immer unsicherer, gerade in so einer Phase hatte ich nicht die richtige Unterstützung. Ich bin schon sehr gespannt, was Neurofeedback für mich bringen wird, bin aber überzeugt, dass es ein richtiger Weg ist, da es nichts mit Voodoo, Esoterik oder Hokuspokus zu tun hat, sondern eine für jeden Menschen erlernbare Fähigkeit ist“, wagt Nicole Gergely den Sprung für das in sie eiskalte Wasser. Neurofeedback? Auch Nicole Gergely kann zunächst wenig damit anfangen. Deshalb lassen wir ihr (und uns) von Bruno Weidlich (einem klinischen Psychologen) und seinem Partner Tino Petritsch (Singlehandicapper), die gemeinsam das erste Hirn-Fitness-Center gegründet haben, auf die Sprünge helfen. „Im Grunde werden dabei, wie bei einer Elektroenzephalografie, schlicht die Gehirnströme gemessen“, erklärt Weidlich und beginnt die Proette zu verkabeln. Weidlich: „Wir alle kennen das Phänomen, dass ohne Zutun alles wie von selbst läuft. Wir könnten mit einem Besenstiel 10 unter Par spielen, und tags darauf treffen wir nicht einmal aus 50 Metern das Grün.“

Weder hat uns aber unsere Technik über Nacht verlassen noch unser Körper sich verändert. Mit Misserfolgen steigt aber unsere Verunsicherung. Und dann löst sich plötzlich ein Knoten, und alles ist wieder gut. Weidlich: „Alles eine Frage des Mentalen, denn Bewusstseinszustände kann man trainieren.“

Die zwei von der Gemütstankstelle. Tino Petritsch (M.) und Bruno Weidlich wollen Nicole Gergely mental wieder auf Vordermann bringen.

Nicole ist nun voll verkabelt, ein bisschen ähnelt die Situation einem Science-Fiction-Film: Ein Haarreifen, aus dem ein Kabel wächst – er soll die Hirnströme messen –, ein Klipp am Ohr und das Band am Handgelenk: Ab sofort ist die Steirerin für Weidlich ein gläserner Mensch, zumindest was ihren Bewusstseinszustand betrifft. Weidlich: „Unsere ­Bewusstseinszustände sind gleichbedeutend mit einer gewissen Frequenz oder Wellenlänge unserer Hirnströme, und zwar vom absoluten Ruhezustand bis zur Panik aufsteigend, und all das ist messbar.“ Im Tiefschlaf oder in Hypnose überwiegen Zellverbände im Gehirn, die im Bereich der Delta-Wellen gemeinsam schwingen (ca. 0,5 bis 4 Hertz), bei Spannung und Panik hingegen überwiegt der High-Beta-Bereich (22–38 Hertz). Um in einen Peakperformance-Bereich, also den Zustand zu kommen, in dem Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, Erlerntes abzurufen, und ein gewisses Maß an Entspannung und innerer Ruhe in einem optimalen Zusammenhang stehen, ist eine überwiegende Wellenlänge von zirka 12 bis 18 Hertz ­nötig. Das ist der für den Golfer optimale Zustand im Moment des Schlags, da er dabei sein erlerntes Können optimal abrufen kann, aber nicht von störenden Gedanken abgelenkt wird. Man spricht vom sogenannten „Flow“. Allerdings ist unser neurologischer Zustand ein fragiles Gebilde, das sich ständig verändert. Einen aufmerksamen Zustand über Stunden zu halten ist schwer und ­körperlich belastend. Der Idealzustand sieht demnach so aus, dass man sich vor jedem Schlag in diesen „Flow“ versetzen kann. Und jetzt kommt Weidlichs gute Nachricht – für Nic, aber auch für uns: „Das kann man trainieren, wobei das auslösende Moment dafür via Konditionierung erfolgt. Wenn man zum Beispiel mit einem Geräusch eine angenehme Erinnerung verbindet, fürchtet man sich davor nicht. Im Gegenteil, man wird in eine angenehme Stimmung versetzt. Der Vergleich mag seltsam an­muten: Aber das ist genau so, wie man auch Tiere trainiert.“

Und so basiert das Retense-Training auf Belohnung und Bestrafung. Wobei man unter Bestrafung nicht irgendwelche Grausamkeiten wie Elektroschocks verstehen darf, sondern einen roten Balken, der einem ­signalisiert, dass man die „Comfort Zone“ verlassen hat. Ansonsten ist er grün. Nicole, die via Elektroden an ein EEG angeschlossen ist, das die Informationen an ein Computerprogramm weiterleitet, muss nun versuchen, sich in den gewünschten Frequenzbereich zu bringen. Wobei der Weg egal ist.Weidlich: „Die Mittel sind sehr individuell, je nachdem, ob man ein visueller Typ ist oder ob man sich eher durch Erinnerungen, zum Beispiel an ein angenehmes Ereignis, in einen ‚Good Mood‘ bringt. Das herauszufinden ist auch die Aufgabe der ersten Sitzungen.“ Hat man seinen Anker gefunden, gilt es, sich zu konditionieren und zu trainieren. Derselbe Anker hilft uns, in gewünschten Situationen den „Flow“-Zustand zu erreichen, und je besser man trainiert ist, umso leichter gelingt das. „Das Training durch Konditionierung kann man nicht mehr verlernen. Es ist wie Rad fahren“, macht Weidlich Gergely Mut.
Zurück auf die Siegerstrasse!

„Neurofeedback wird schon lange im therapeutischen Bereich, bei Depressionszuständen, Panik, Epilepsie oder auch bei ADHS erfolgreich eingesetzt“, erzählt uns Tino Petritsch, die Marketinghälfte von Retense. „Auch Sportler trainieren seit längerem mittels Neurofeedback. US-PGA-Pros oder auch die italienische Fußball-Nationalmannschaft arbeiten so an ihrer mentalen Stärke. Wir haben mit Nicole Gergely eine der besten Golferinnen des Landes als Pionierin für Retense in Österreich gewinnen können und wollen ihr helfen, wieder auf die Siegerstraße zurückzufinden. Und das am besten schon bei den UNIQA Ladies Open in Föhrenwald“, freut sich der passionierte Golfer Petritsch auf das Turnier in Wiener Neustadt. Und Nicole? „Ich freu mich schon auf die Sessions. Und schlechter, als es derzeit läuft, kann’s ja nicht mehr werden.“

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