Ausflug nach Lytham [0]

Chefredakteur Klaus Nadizar bekommt den Claret Jug geborgt und erhält eine Einladung auf den Open Platz Royal Lytham & St. Anne’s – Aufzeichnungen einer glorreichen Woche.

 

aus der Golfrevue 11/08

Da stand er also plötzlich in meinem Büro, der keinesfalls schönste, aber geilste Pokal, den man im Golfsport gewinnen kann: der Claret Jug. Und es ist die wohlige Mischung aus Gänsehaut und Kind im Mann, die einen treibt, Dinge zu tun, die verboten sind. Klar, es gibt Vorgaben und ellenlange Formulare zu unterschreiben, aber das lag ja wiederum nicht in meinem Wirkungskreis. Das haben die Herren von Pilsner Urquell Österreich schon für mich erledigt. Und ganz ehrlich: Ich weiß nicht, was die geritten hat, mir diese Trophäe anzuvertrauen.

Eifrig wuseln die Kollegen um mich herum, als ich mir die dafür mitgelieferten weißen Handschuhe überstreife, um den Heiligen Gral des Golfsports aus seinem Koffer und dem edelblauen Samtverhüterli, das ihn zusätzlich schützt, zu schälen. Ein zarter Kuss, und das Büro verwandelt sich in das 18. Grün von Royal Lytham, wo 2012 The Open über die Bühne gehen. 40.000 Menschen applaudieren, aber falls mich CSI R&A wegen der Übertretung der Richtlinien vor den Kadi zitieren sollten: Ich werde leugnen, und es gibt auch keine Spuren. Weder Fotos noch Reste von DNA. Ich war sehr sorgfältig.
Dann durfte der Claret Jug zwei Nächte bei mir zuhause verbringen – in meiner Abwesenheit. Unauffällig drapierte ich zwei Security-Beamte vor meiner Wohnung, damit das Geschmeide aus Sterlingsilber (Wert: 6.000 britische Pfund) nicht gemeinen Strauchdieben oder fanatischen Golfern zum Opfer fiele.

Ich hatte nämlich Besseres zu tun, und wenn das Leben einmal gerecht ist, dann richtig: Während nämlich der Claret Jug bei mir (!) zwei Tage so in der Gegend herumlag, fiel mir – ECCO Shoes sei Dank – Royal Lytham in den Schoß. Eine genialere Fügung des Schicksals fiele nicht mal Hollywood ein: Der Pokal bei mir und ich am Open-Platz 2012. Der Neid könnte einen fressen, wäre man nicht selbst der Begünstige.
1897 (!) eröffnet, war der Linkskurs insgesamt zehnmal Austragungsort der Open, zuletzt 2001. Und für alle wahren Golffans nun ein Quiz: Wer hat die Open damals gewonnen?* Der erste Open-Sieger in St Annes war übrigens Bobby Jones im Jahr 1926.
Jedenfalls: Patina überall, Sakko und Krawatte im Clubhaus Pflicht – darauf achtet der Portier. Übrigens auch auf propere Fußbekleidung, was im Falle der ECCO-Präsentation ein echtes Highlight war, wurde doch ein Kollege unseres liebsten Nachbarlandes zum Schuhwechseln gebeten: „Would you mind to change your shoes. We wear proper shoes in here“, so der höfliche, aber bestimmte Portier, als er mit seinem feinen Kennerblick den Herrn taxierte. Nur so viel: Er trug keine ECCO-Schuhe.

Die Erbsensuppe mit Minze, die man uns abends servierte, war ein ebenso grandioses Desaster wie mein Golfspiel tags darauf. Aber: 3 Stunden, 30 Minuten zu viert mit einem fußmaroden Engländer! Golfer, hört die Signale! Das Fiasko mag ein wenig mit dem Bierkonsum zusammengehangen haben, musste ich doch zu Ehren von Pilsner die einzige vorhandene Marke aus dem Hause SAB Miller (die Mutter von Pilsner Urquell), die italienische Trendmarke Peroni, verkosten. Bei den Open 2012 wird’s dann aber garantiert das Edel-Pils aus Pilsen geben, man hat sich längerfristig an die Open gebunden.

Gut, dass wir im Dormy-House einquartiert waren. Das liegt nur einen langen Putt vom Clubhaus entfernt, und die, sagen wir, eigenwillige sanitäre Situation (Gemeinschafts-WC und -dusche) nimmt man angesichts des überwältigenden Erlebnisses gerne in Kauf.

 

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