Mittwoch 11. Juni 2008, 12:06 Uhr

Die glorreichen Vier [0]

18 verlorene Bälle, 457 Schläge, ein Birdie, ein wenig Frust, aber endlich die Erfahrung, wie es bei den Burschen der European Tour aussieht: Das war „Der Tag danach“. Mit Dia-Show

 

Fontana am Tag nach den BA GolfOpen, Zählspiel von den Back-Tees, keine Gnade, that’s it! Das Drama festgehalten haben Katharina Wieser (Text) und Alex Kramel (Foto).

Ausgewählt aus einer Hundertschaft von ­Bewerbern, haben wir Harald Regensburger, Klemens Illek, Gerhard Kaltenberger und Rudi Lachinger ins ­Rennen geschickt, um sich der ultimativen Challenge zu stellen. Fontana am Tag nach den BA GolfOpen, Zählspiel von den Back-Tees, keine Gnade, that’s it! Das Drama festgehalten haben Katharina Wieser (Text) und Alex Kramel (Foto).

Zugegeben, wir haben uns die Idee ausgeborgt. Von den US Open, wo ebenfalls vier Amateure sich der ­Herausforderung am Tag danach stellen dürfen. Eine reizvolle Aufgabe, ­fanden wir. Zumal uns Hobbygolfern gerne ein „Das kann ich auch“ über die Lippen fleucht, sehen wir einen Tourspieler einen Fehlschlag produzieren.
Ein kurzes Gespräch mit Fontana-Geschäftsführerin Christine Schelch genügt: „Klar, könnt ihr gerne machen.“ So viel Kooperationsbereitschaft freut und ein kollektives diabolisches Grinsen macht sich bei uns in der Redaktion breit: Würde sich überhaupt wer melden? Wenn ja, wer ist so verrückt, sich ohne Reißleine auf einen Tourplatz zu werfen, wissend, dass ein Drama in 18 Akten auf ihn warten würde? Logisch, dass wir ein paar Restriktionen einführen mussten, etwa das Handicap-­Limit von 24. Schließlich galt es trotz der frühen Startzeit bis zum Einbruch der Dunkelheit fertig zu werden.
Nur so viel: Wir hatten uns mächtig ­geirrt, was die Anzahl der Bewerbungen betraf. Knapp 1000 wagemutige Österreicher wollten es wissen.

Das finale Quartett

Klemens Illek, Künstler im vierten Bildungsweg, aus der Steiermark mit Handicap 19, hat uns mit seiner Bewerbung überzeugt: Witzig, ein wenig auf die Tränendrüse drückend – „Ich bin das zehnte von elf Kindern, habe noch nie etwas gewonnen“, und so weiter. Wir waren jedenfalls begeistert. Sein Plan-A für den Tag danach: „Eine Runde unter 100, ich bin ein notorischer Tiefstapler.“
Gerhard Kaltenberger, Wahl-Salzburger, bettelt in seinem E-Mail geradezu um die Teilnahme an der wohl masochistischten Golf-Runde ever. Bitte schön, gewährt. Der ehemalige Clubhaus-Wirt des GC Zell am See mit Handicap 12 erwartet sich eine, sagen wir, etwas optimistisch angesetzte 95er-Runde auf dem tour-hart präparierten Fontana-Kurs. Noch dazu, wo der Regen die Fairways weich und das Rough fett ­gemacht hat.
Rudi Lachinger, Handicap 20,8 und Tier-Arzt aus Wien-Mauer, hat mit der Beschreibung seiner Stärken gepunktet: „Ich kann zusammenhängende Sätze sprechen“. Das wollten wir natürlich überprüfen, vor allem, ob es dem – nach eigenen Worten – Golfsüchtigen nicht nach der Runde vielleicht doch die Rede verschlägt. Sein vorsichtig optimistischer Plan: Unter 120 Schlägen bleiben. Na bitte, Selbsteinschätzung ist beim Golf das Um und Auf.
Der Vierte im Bunde ist schließlich der Kärntner Doppeldoktor Harald Regensburger, der sich ein wenig einschleimt – „Ich bin begeisterter Golfrevue-Leser“ –, und uns bei der Eitelkeit packt. So was zieht immer. Als Handicap-5-Spieler sind seine Ziele natürlich sportlich ehrgeizig definiert: Unter 90 Schlägen wolle er schon bleiben.

On Tee Number 1, from Austria:

Die mutigen Vier  8 Uhr, leichter Nebel wabbert über Fontana. Die vier stehen bestens aufgewärmt am ersten Tee. Es wird wenig gesprochen, die Anspannung ist spürbar. Unser Kärntner Doppeldoktor verteilt „Startgeschenke“ an seine Mitspieler. Jeder erhält ein Flascherl Hirter, nein, nicht Bier, Mineralwasser. Von uns gibt es nur Birdie-Books, und zwar die feinen von der European Tour und die besten Wünsche.
Gleich das erste Loch macht den vier Gladiatoren klar, was auf sie – und damit auf uns – in den nächsten Stunden zukommt: Suchen ohne Ende. Die rechtsgedrifteten Abschläge ins Rough kosten 15 Minuten, ehe die, wie Ostereier versteckten Kugeln endlich aufgespürt werden. Die Karawane schleppt sich Richtung erstes Grün und der eloquente Veterinär vierputtet zur 8, derer es noch mehrere im Verlauf der Runde zu beklagen geben wird.
Erste Konfusion dann bei Klemens, dem Künstler. „Ich kann das Birdie-Book nicht lesen“, jammert er, ob der vielen Zeichnungen und Zahlen des einem „normalen“ Birdie-Book völlig unähnlichen „Gebetsbuchs“ der Profi-Golfer, die Woche für Woche und Turnier für Turnier neu gezeichnet werden. Die Folge: Eine 14 auf Loch 5, übrigens der einzige zweistellige Score der Vier auf den Front-nine. Elegant sein Konter: „Das muss man ­locker nehmen. Ich liebe Golf zu sehr, als dass ich mich deswegen ärgern würde.“ So viel Gelassenheit beeindruckt selbst uns.
Auf der Habenseite von Klemens, Rudi, Harald und Gerhard steht nach neun Loch ein einziges zartes Par – gemeinsam natürlich. Klemens gelingt dieses Kunststück auf Loch 6, also just nach seinem Katastrophen-Hole, was für seine starke psychische Konstitution spricht.

Halbzeitbilanz

Harry Regensburger ist voll auf Kurs: Mit seinen 45 Schlägen ist die angepeilte 90 locker in Reichweite, vorausgesetzt, er kann die Konzentration halten. Das aber scheint nach unserer Einschätzung das geringste ­Problem. Weitaus gefährlicher: Er kokettiert stets mit Strafschlägen für die Be­lehrung der Mitspieler. Klar, dass man als Singlehandicapper etwas schwächeren Golfern gerne mit Rat und Tat zur Seite steht – aber Vorsicht, wir haben das ­Regelbuch dabei!
Für die übrigen drei Fontana-Challenger gilt es, den Spielplan ein wenig zu ändern und auch die Prognosen score­mäßig markant nach oben zu revidieren. ­Illek nach seinen 62 Schlägen gelassen: „Der Score ist nicht so wichtig.“ Kaltenberger (58 Schläge) demütig: „Eine 110-er-Runde sollte noch möglich sein, vorrangiges Ziel ist aber ein Par.“ Lachinger (56 Schläge) ehrgeizig: „Jetzt will ich es wissen und geh’ aufs Ganze: Ich will unter 110 Schlägen bleiben.“
Auf den Back-nine gelingt dann Harry das einzige Birdie des Tages, wenn auch nicht ganz auf die klassische Art: Der Kärntner chipped auf Loch 11 aus dem Rough hinterm Grün zur Zwei ein. Dabei hatte er zuvor noch die „gemeingefährliche Fahnenposition“ mokiert.
Unser steirischer Künstler und Rudi, der Tierarzt, sorgen für eine 12 und eine 11 auf Loch 15, einem Par 5, womit sie zusammen auf diesem Loch dreizehn über Par spielen. Ein schlechtes Omen?

457 & 18

Keinesfalls, denn das Wetter hat Erbarmen, der Spaß hat noch immer Vorrang und nur sechs Stunden, 457 Schläge und 18 verlorene Bälle nach dem ersten Abschlag gibt es ein Shakehands der vier Fontana-Titanen und jede Menge Selbsterkenntnis: „Wir werden zu Nachahmungstätern und ­wollen so spielen wie die Pros – nur ­gelingt uns das nicht“, gibt sich Gerhard Kaltenberger nach seiner 115 ein wenig geknickt, aber glücklich die Erfahrung gemacht haben zu dürfen. Sein Ziel – eine 95er-Runde – hat er um 20 Schläge verfehlt. Auch Rudi Lachinger – 123 Schläge, Ziel um drei Schläge verfehlt – übt sich in Demut: „Ich bin froh, dass nur ein Fotograf und keine Kamera mit uns mit auf der Runde war – manche Schwünge will ich nicht noch einmal sehen müssen. Ich dachte, dass ich die Challenge besser bewältigen würde. Selbst meine guten Abschläge schafften es nur bis zum Beginn des Fairways.“
Klemens Illek – 130 Schläge, Ziel um 30 Schläge verfehlt – gibt seinem Putter die Schuld und auch sich selbst: „Ich habe mich unter meinem Wert geschlagen.“
Einzig Harald Regensburger – 89 Schläge, Ziel erreicht – geht mit stolz geschwellter Brust vom 18. Grün: „Ich habe zehn Fairways und drei Grüns getroffen, 35 mal geputtet und nur einen Ball ver­loren.“ Wir gratulieren!
Eine Erkenntnis nehmen die glorreichen Vier aber auf alle Fälle mit in ihr weiteres Golferleben: „Von den Back-Tees und unter diesen Bedingungen schaut die Golf-Welt ganz anders aus.“

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