Passionsspiele [0]

 

ryder08-135763Dass irgendjemand seinen Hut zu nehmen hat, wenn am Bau mal wieder was schief läuft, geht oder schlimmstenfalls steht, ist eh klar. In Berlin hat Flughafenchef Rainer Schwarz das jetzt zu spüren bekommen: der Aufsichtsrat zog die Konsequenzen aus dem Debakel beim Neubau des Großflughafens in Schönefeld und entband Schwarz von seinen Aufgaben. Warum das eine Notiz in unseren Unterlagen wert ist? Nun, der Fernsehsender RTL hat in seinem „Nachtjournal“ im Zusammenhang mit der Entlassung Schwarz´ eine medial verbreitete Unsitte aufgegriffen.
Gern wird bei Skandalen und Skandälchen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft die Randbemerkung „Der passionierte Golfer […]“ bemüht, um zu verdeutlichen, was für ein schlimmer Mensch, Halunke, Lobbyist da jetzt wieder einen Flughafen, einen Bahnhof, eine Elbphilharmonie, eine Landeskasse oder ein Ansehen ruiniert hat, in etwa: „Der passionierte Golfer Schwarz hat die mittlerweile vierte Verschiebung des geplanten Eröffnungstermins zu verantworten.“
Hat der Mann in den leerstehenden Abfertigungshallen sein kurzes Spiel trainiert? Hat er die Entrauchungsanlage persönlich mit dem Holz drei in den Defekt gejagt? Und ist Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin und bis vor kurzem Aufsichtsratschef des Flughafens ihm Caddie gegangen, zwischen den Hangars 7 und 10? Übrigens: Wowereit ist passionierter Golfer.

Jetzt aber mal im Strasser, Entschuldigung, im Ernst: Ja, mit Sicherheit ist auf dem ein oder anderen Golfplatz dieser Erde schon der ein oder andere schmutzige Deal ausgehandelt worden. Vermutlich ist auch der ein oder andere Konzern in gehörige Schieflage geraten, weil der Herr CEO gerade telefonisch unerreichbar durch die Roughs einer Golfperle in der Karibik getorkelt ist. Korrupt, unfähig, planlos – bitte gerne, wir haben ja sonst nichts zu lachen. Aber was hat ausgerechnet und allein Golf damit zu tun? Was ist mit den Tennisplätzen, Theaterhäusern, Saunen und Stadien dieser Welt? Hat je wer davon gelesen, dass die passionierten Saunagänger GrasserElsnerMensdorff-Pouilly oder die passionierten Passionsspielfreunde MerkelSeehoferStoiber…?
Den Eindruck, den Golf in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer hinterlässt, prägen solche medialen Pauschalphrasen maßgeblich mit – allerdings bevorzugterweise im deutschsprachigen Raum. Dem passionierten Friedensnobelpreisträger Barack Obama jedenfalls ist seine Golfleidenschaft ebenso wenig vorgeworfen worden, wie einem Großteil seiner US-Präsidentenkollegen. Dem passionierten Schürzenjäger John F. Kennedy beispielsweise. Selbst als Dwight D. Eisenhower den Boden im Oval Office des Weißen Hauses mit den Spikes seiner Golfschuhe ruinierte, hielten sich die Skandalmeldungen in Grenzen. Es gab einfach einen neuen Bodenbelag.

Wir schließen daraus: Nicht jede Meldung, die durch die Presseticker dieser Welt jagt, benötigt den Querverweis auf Golf, nur weil Geld im Spiel oder ein unfähiger Flughafenchef aus dem selbigen ist. Und in Zeiten, in denen jenes Geld bevorzugt zwischen Bauprojekten und Bankgeschäften versickert, Golf für uns aber wie schon immer vornehmlich eine großartige Sportart ist, darf man sich Formulierungen wie die kritisierte in erster Fluglinie: sparen.

 

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