Eine Welt ohne Tiger [0]

Eine Welt ohne Tiger

In den letzten 12 Jahren hat Tiger Woods die Golfwelt verändert und geprägt  wie kein anderer Sportler irgendeine Sportart zuvor. Jetzt tritt er aus gesundheitlichen Gründen ein Jahr aus dem Rampenlicht und überlässt, gezwungenermaßen, seinen Konkurrenten die Bühne. Thomas Weidinger stellte sich deshalb die ewig brennende Frage: Was wäre wenn … Tiger Woods nie geboren worden wäre?


Breaking News am Tag danach: „Saison-Aus für Tiger! Infolge seiner Knieprobleme wird sich Woods einer erneuten Operation unterziehen und für den Rest der Saison pausieren.“ Der Tag davor? Der 16. Juni 2008, US Open Playoff: Tiger Woods schleppt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht über das klassische Montags-18-Loch-Play-off, das am Ende gar noch ein 19tes braucht, zum dritten US Open-Titel seiner Karriere. Sein Gegner, Rocco Mediate, der am Sonntag schon eine Hand am Häferl hatte, hat danach ebenfalls Schmerzen, Kopfschmerzen.
Wie kann jemand, der offensichtlich als halber Krüppel ein Major bestreitet – schon während der vier regulären US-Open-Runden knickte Tigerchens linke Pfote immer wieder weg – dieses auch noch gewinnen? Jemand kann es nicht, es kann nur Tiger Woods. Und weil es sich bei der Nummer 1 der Golfwelt um einen der außergewöhnlichsten Sportler aller Zeiten handelt, wirft er im Rampenlicht stehend den denkbar größten Schatten. Sie dürfen raten, welcher Tag dem US-Sender CBS die höchsten Einschaltquoten aller Golfübertragungen beschert hat? Richtig! Es war der besagte Montag, als der fußmarode Tiger den gesunden Rocco Mediate verspeiste.
Nachdem Herr Woods nun rund ein Jahr – laut eigenen Aussagen – pausieren wird, um vollständig zu gesunden (und wohl auch ein wenig Papa zu spielen), sprießen den TV-Stationen und Turnierveranstaltern wohl jede Menge grauer Haare. Woods heißt Quote, Woods heißt Zuschauer, kein Woods das Gegenteil.
Was aber wäre gewesen, hätten am 30. Dezember 1975 Earl und Kultida Woods keinem Tiger das Leben geschenkt?

Was wäre, wenn … 

Beginnen wir beim Golfspiel selbst, das in der nunmehr von Tiger kultivierten Athletik und Power früher mehr den eleganten Spieler favorisierte, und auch mäßig Durchtrainierten eine Chance ließ: Fred Couples etwa, das Ebenbild eines Lehrbuchschwungs (beinahe), den am Ende zum Doktor Swing h.c. promovierten Parade-Tüftler Nick Faldo oder den überraschungslosen Buchhalter-Schwung eines Bernhard Langer. Erfrischende Ausnahme war damals schon Seve Ballesteros, der Golf, das kreative Spiel, verstanden und Zauberschläge jeder Art – notgedrungen – immer mit dabei hatte.
All diesen Spielern, und auch den übrigen, hat die Technologie etliche Meter geschenkt. Tiger Woods hat mit Litern von Kraftkammer-Schweiß noch ein paar draufgelegt und Golf fitter gemacht. Es ist aber nicht nur die Länge, die den Tiger interessiert hat, sondern die Kontrolle über seinen Golfschwung, die er sich mit seinen auftrainierten Sixpacks angeeignet hat. Die Craig Stadlers und John Dalys dieser Welt haben seitdem ausgedient, und im Windschatten der Nummer 1 pilgert die gesamte Golfelite seitdem reumütig ins Fitness-Studio, selbst Lazy Phil und Grumpy Colin.

Money Rules & der Rubel rollt 

Mit der neuen Fitness-Bewegung hat Woods Golf auch sexier gemacht, und damit attraktiver für Sponsoren, die seit der Ära Woods freudestrahlend Jahr für Jahr mehr in Turniere, Sponsorverträge und Corporate Days buttern. Zum Vergleich: Als Tiger Woods 1996 die Profibühne betrat, führte Tom Lehmann mit 1,780.159 Doller die US-Order-of-Merit an. 2007 haben exakt die ersten 47 Spieler der PGA Tour-Money-List diese Preisgeldmarke überschritten und der Führende, genau, Tiger Woods, hatte sich 10,867.052 Dollar gekrallt. Es würde zu weit führen, allein Tiger diese Vervielfachung an Preisgeld zuzuschreiben, zweifelsohne ist aber Faktor „Woods“ eine kalkulierbare Kennzahl im Sportbusiness geworden. Nike etwa, kann davon ein Lied singen: Gab sich Tiger 1996 noch mit geradezu läppischen 40 Millionen Dollar zufrieden, durfte Phil Knight 2001 für weitere fünf Jahre Woods im Zeichen des Swoosh auf 100 Millionen aufstocken und 2006, so munkelt man, gab’s eine weitere Verdoppelung der Sponsorsumme.
Diese veritable Preistreiberei blieb auch für die unmittelbare Konkurrenz nicht ohne Folgen: Ohne Woods hätten Mickelson & Co. bei ihren Verhandlungen mit Sponsoren ein paar Argumente (und auch ein paar Dollar) weniger. Colin Montgomerie, mit rund 20 Millionen Preisgeld-Euro, trotz teurer Scheidung, auch nicht gerade ein Sozialfall, brachte es in einem Golfrevue-Interview vor drei Jahren auf den Punkt: „Woods ist für uns alle gut und keiner von uns ist ihm auch nur einen Dollar neidig.“

Majors & Miseren 

Dass Monty aber in einer Welt ohne Woods seinen größten Makel, (bislang) ohne Major-Sieg leben zu müssen, längst abgelegt hätte, wird den Schotten trotzdem wurmen. Dann nämlich würde der Claret Jug, zumindest die Replika, für den British Open Titel 2005 bei Colin am Kamin stehen, und nicht in Woods’ Mega-Domizil in Florida.
Vermutlich wäre dann Ernie Els der größte Golfer unserer Generation geworden, mit 16 Siegen auf der PGA Tour und 23 auf der European Tour, darunter vier Majors. Nicht weniger als fünfmal, davon dreimal hintereinander im Jahr 2000, landete der Südafrikaner bei PGA-Events hinter Woods an alleiniger zweiter Stelle, auch ein Major – die US Open – war ­dabei. Die hätte übrigens Phil Mickelson 2002 ­gewonnen, gäbe es keinen Tiger. Damit hätte der Lefty gesamt vier PGA-Siege und Major-Titel mehr am Konto und ebenfalls eine hohe Anwärterschaft auf den Golfthron. Ein kleiner Trost bleibt ihm: ­Mickelson ist mit Sicherheit der größte Lefty des Golfsports, das aber ohne Wenn und Aber.
In einer Welt ohne Tiger wäre vermutlich Sergio Garcia der Hero und Sunnyboy der jungen Golfergeneration, zugepflastert mit Sponsorverträgen, beliebt bei Funk und Fernsehen. Auch der Spanier hätte zumindest einen Major-Titel am Konto, die USPGA Championship 1999. Er wäre ­damit als jüngster Major-Gewinner des ­modernen Golf in die Geschichtsbücher eingegangen. Doch das Wörtchen „wenn“ zwickt auch „El Nino“ wach: Woods luchst ihm 1999 mit ­furiosen Back-nine die Wannamaker-Trophy noch ab und sorgt sechs Jahre ­später bei den British Open für den nächsten Kollaps des Spaniers. Nach einer ­brillanten 65 am Samstag, steht am Finaltag Tiger Woods neben Sergio am Tee. Die Nerven des Spaniers fahren Achterbahn und schon auf den ersten vier Holes ist der nächste Traum von einem Major-Titel ausgeträumt. Wenn nur das Wörtchen „wenn“ nicht wäre …
Immerhin hat es einer in der nun eine Dekade dauernden Dominanz von Woods geschafft, diesen zumindest kurzfristig im Rückspiegel zu betrachten: Der Fidschianer Vijay Singh konnte – abgesehen vom Amerikaner David Duval (Sie erinnern sich?), der Anfang 1999 für insgesamt 15 Wochen die Weltrangliste anführte – als einziger Golfer die Ära Woods unterbrechen. Das war zu Saisonende 2004, als die Weltrangliste Singh für ganze fünf Monate auf Rang 1 ausspuckte, nachdem der schlaksige Riese 2003 Woods von Platz der US-Geldrangliste schoss und sich einen Rekord schnappte, der nun für immer ihm gehört: Singh war der erste Golfer, der die 10-Millionen-Dollar-Preisgeld-Grenze knackte. Das Golf-Computerspiel, das in dieser Zeit gelauncht wurde, trug dennoch den ­Namen „Tiger Woods PGA Tour“ und nicht den Namen des Fidschianers.

REKORD, REKORDE

Weil die Amerikaner so wunderbar verliebt in Zahlen sind – es gibt definitiv nix, was nicht in Statistiken ausgewiesen werden kann – türmen sich in der Vita des 33-jährigen Ausnahme­athleten jede Menge Rekorde. Genug, um sie ganz gerecht auch unter den anderen, ebenso talentierten Pros verteilen zu können. Aber das will der Bursche nicht und das Schlimmste daran: Geld ist längst keine Triebfeder mehr. Nach zwölf Jahren, 89 Turniersiegen, davon 14 Major-Titel, und einem geschätzten Jahreseinkommen von etwa 115 Millionen US-Dollar (laut www.forbes.com) will Woods auch in ­Zukunft nur eines: Weitere Rekorde. Die bricht er mittlerweile längst nicht mehr nur im Sport, oder zumindest nur peripher: Stimmen die Hochrechnungen unter Miteinbeziehung des Woods-Faktors, wird er als erster Sport-Milliardär in die Wirtschafts-Geschichte eingehen. Natürlich ­inklusive der Preisgeldkrümel von durchschnittlich elf Millionen Dollar pro Jahr.

Warum Golf? 

Auf Grund seiner Vorfahren beschreibt sich Tiger selbst als ein Viertel thailändischer, chinesischer und afrikanischer, sowie je ein Achtel indianischer und niederländischer Herkunft. Als Amerikaner multi-ethnischer Herkunft und wegen seiner Hautfarbe wäre jede US-Sportart für ihn nahe liegender gewesen als Golf. Auch das ist ein klassisches „Was wäre wenn“-Szenario. Denn zweifelsfrei hätte es Woods wohl in jeder Disziplin zur Weltspitze gebracht und damit Millionen verdient. Allein seines Charismas wegen und der Aura, die ihn umgibt und ihn beinahe entmenschlicht. Denn in einer Welt ohne Woods könnten Ernie Els, Vijay Singh oder Sergio Garcia locker die Nummer 1 der Golfwelt sein, aber sie wären wohl nie zum Weltsportler des Jahres gewählt worden. Sie hätten ihr Scherflein zur Verbreitung des Golfsports beigetragen, aber es nie in die TV-Primetime geschafft, bloß weil sie sich das Knie verletzt haben. Dank Woods ist Golf zu einer „demographischen“ Sportart geworden, die sich durch sämtliche Bevölkerungsgruppen zieht, unabhängig vom Alter, der Einkommenssituation und auch der Hautfarbe.
Und um allen Spekulationen unseres Gedankenexperiments endgültig einen Riegel vorzuschieben: Wir sind Kultida und Earl Woods unendlich dankbar. Wenn sie nicht gewesen wären, hätten wir diese Story nie schreiben und Sie sie nie lesen können.


World Top Five… ohne Tiger

2007 
Phil Mickelson, Jim Furyk, Ernie Els, Steve Stricker, Justin Rose

2006 
Jim Furyk, Phil Mickelson, Adam Scott, Ernie Els, Retief Goosen

2005 
Vijay Singh, Phil Mickelson, Retief Goosen, Ernie Els, Sergio Garcia

2004 
Vijay Singh, (Tiger Woods, 2.), Ernie Els, Retief Goosen, Phil Mickelson, Padraig Harrington

2003 
Vijay Singh, Ernie Els, Davis Love-III, Jim Furyk, Mike Weir

2002 
Phil Mickelson, Ernie Els, Sergio Garcia, Retief Goosen, David Toms

2001 
Phil Mickelson, David Duval, Ernie Els, Davis Love-III, Sergio Garcia

2000 
Ernie Els, David Duval, Phil Mickelson, Lee Westwood, Colin Montgomerie

1999 
David Duval, Colin Montgomerie, Davis Love-III, Ernie Els, Lee Westwood

1998 
Mark O‘Meara, David Duval, Davis Love-III, Ernie Els, Nick Price

1997 
Greg Norman, Tiger Woods, Nick Price, Ernie Els, Davis Love-III

1996 
Greg Norman, Tom Lehman, Colin Montgomerie, Ernie Els, Fred Couples (Tiger Woods, 33.)


Major-Sieger… ohne Tiger

2008
US Open: Rocco Mediate

2007
USPGA: Woody Austin

2006
The Open: Chris DiMarco
USPGA: Shaun Micheel

2005
Masters: Chris DiMarco
British Open: Colin Montgomerie

2002
Masters: Retief Goosen
US Open: Phil Mickelson

2001
Masters: David Duval

2000
US Open: Ernie Els oder Miguel Angel Jimenez
British Open: Thomas Bjorn oder Ernie Els
USPGA: Bob May

1999
USPGA: Sergio Garcia

1997
Masters: Tom Kite


Woods-los: Wie reagiert die Wirtschaft?

Buick, Sponsor der Buick Open Ende Juni, musste nach Tigers Rückzug die Einnahmen für rund 3.000 verkaufte Tickets (im Wert von 50 bis 150 $ pro Stück) für die Woods Golf-Clinic im Comerica Park in Detroit an die enttäuschten Golfer zurück zahlen. „Es gibt einfach keinen Ersatz für Tiger“, so das Buick Golf Marketing.

Bei Gatorade ist man von Tigers Absenz weniger direkt ­betroffen: „Wir haben einen Deal mit Woods, weil er enorm werbewirksam ist, egal ob er spielt oder nicht.“

Ebenso befürchtet auch Hauptsponsor Nike Golf keine massiven Umsatzeinbrüche. Sehr wohl werden die Sportartikel­verkäufer die massive Nachfrage nach den neuesten Woods-­Modellen vermissen, die immer dann einsetzte, wenn Tiger neue Nike-Shirts oder -Schuhe bei ­einem Turnier trug.

Auch die Werbeeinschaltungen für TV-Übertragungen sind lange im Voraus durch Verträge ­gesichert, weshalb die TV-Stationen diesbezüglich kaum Einnahme­einbußen befürchten müssen. Sehr wohl könnten die Einschaltquoten darunter leiden, wie NBC-Moderator Jay Leno scherzte: „Mathematiker haben versucht, die kleinste, Menschen bekannte Zahl zu ermitteln. Es sind die Nielsen-Ratings (US-TV-­Einschaltquoten, Anm.d.Red.) der Golfchannels ohne Tiger Woods.“

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