Dienstag 2. September 2008, 12:05 Uhr

Traumreise zum US Masters 09 [0]

Reise zum grünen Sakko

Der Traum von einem Masters-Ticket bleibt meist ein Wunschtraum, weil Eintrittskarten de facto nicht am freien Markt zu haben sind. ­Angeblich. Grund genug für Gerald Hajos* sich auf die Spurensuche zu begeben. Er wurde fündig und erlebte das Masters 2008 erste Reihe, fußfrei, VIP-Betreuung inklusive. Und für die Golfrevue-Leser organisiert er nun das scheinbar Unmögliche: Die Reise zum Masters 09.

alt

 

Seit 15 Jahren bin ich mit Golf infiziert, die Symptome sind eindeutig: Ich bin Premiere-Abonnent der ersten Stunde, saß und sitze nächtelang gespannt vor dem Fernseher und verfolge Woods & Co auf Schritt und Tritt. Kein Groß-Event, der mir vor dem Patschenkino entging, ehe sich der Virus noch weiter ausbreitete. Das nächste Ziel konnte nur heißen, nicht mehr per TV sondern vor Ort die Highlights mit zu verfolgen. Ryder Cups und British Opens standen zum Aufwärmen am Programm, in der Folge dann schon höchst routiniert, als Reiseleiter mit meiner Agentur Game Company. An der Kür, Eintrittskarten fürs Masters in Augusta zu ergattern, habe ich mir fast die Zähne ausgebissen. Aber eben nur fast!

Die Legenden von 25-jährigen Wartelisten, Weitergabe von Kartenbesitz nur als Erbrecht und ähnlichem habe ich jahrelang akzeptiert und mich damit abgefunden, dieses wohl größte Golfspektakel weiterhin nur im TV erleben zu können. Bis mich im Frühjahr 2007 der Ehrgeiz gepackt hat: Fundierte Informationen wurden gesammelt, ernsthafte Recherchen betrieben und schlussendlich potentielle Kontakte geknüpft.
Am Ende dieser Bemühungen stand ich plötzlich am Anfang meiner ersten Reise zum sagenumwobenen US Masters nach ­Augusta, dem Walhalla aller seriösen (und ein wenig verrückten) Golffans. „Wir haben wahrscheinlich ein Ticket für den Finaltag für Sie“, heißt es in der sehnsüchtig erwarteten E-mail eines ­gewissen Alan aus England.
Trotz nach wie vor plagender Zweifel – „Ist der Typ auch wirklich seriös?“ – buche ich Flug, Mietauto und Hotel und fliege just an meinem Geburtstag nach Augusta, Georgia. Manchmal sind die Wege des Herren unergründlich – es muss also doch einen Golf-Gott geben.
Noch im Flieger erinnere ich mich an jene, vermutlich toll erfundene Geschichte von einem Geschäftsmann, der angeblich Selbstmord beging, weil er die versprochenen ­Tickets für das Masters nicht besorgen konnte. „Im schlimmsten Fall“, so beruhige ich mich selbst „kann ich immerhin den berühmten Azalea Drive bis zu den Eingangstoren ­hinaufspazieren. Ist ja auch nicht schlecht.“

alt


Film ab: Welcome to Augusta

Ab diesem Zeitpunkt lief in mir der Film „Inside The Masters“ ab. Ein Film, in dem ich die Hauptrolle spiele. Nach dem Prolog, bestehend aus Anreise, Hotel, Kennenlernen der Organisatoren und anderen Gästen (hauptsächlich Geschäftsleute aus den USA und Großbritannien), Golfrunden auf atemberaubend schönen Plätzen in der Umgebung sowie kulturelle und ­kulinarische Eindrücke des amerikanischen Südens, folgt dann am Sonntag endlich der Hauptfilm – der Finaltag des US ­Masters.
Natürlich haben wir bereits an den ersten drei Turniertagen das Geschehen per typisch amerikanischer, allumfassender Rundumberichterstattung im TV (24 Stunden im Golfchannel) und den Tageszeitungen (täglich Titelseiten) mitverfolgt.
Als ich dann Sonntag früh das Ortschild „Welcome To ­Augusta – Home Of The Masters“ passiere, schießt mehr ­Adrenalin in meine Blutbahn, als bei jedem Bungee-Jump. Nach kurzem Stau (Augusta ist wirklich eine amerikanische Kleinstadt) liegt sie plötzlich vor mir, die Straßenkreuzung mit den legendären Namen Washington Road, Ecke Azalea Drive. 15 Jahre Warten haben endlich ein Ende!
Nach einer Umrundung des Augusta National Golfclubs (war es aus Bewunderung oder doch, weil ich die Abfahrt zum VIP-Bereich übersehen hatte?) lande ich schließlich doch am ­Azalea Drive. Jener Straße, gegenüber dem Besuchereingang, in dem die Hospitality-Clubs angesiedelt sind.
Ein freundlicher Herr parkt mein Auto, zwei nicht minder freundliche Hostessen begrüßen mich mit VIP-Pass, ­Programmheft und Welcome Drink und wenige Schritte ­weiter bin ich auch schon im VIP-Pavillon.
Auf mehreren Etagen werden die Gäste in- und outdoor an drei Bars, zwei Barbecue-Grills und einer Eistheke verwöhnt. Gezählte 20 Flatscreen-TV’s für zirka 200 Gäste sorgten dafür, dass man auch während des Bar- oder Buffetgenusses keinen Schlag oder Putt versäumt.
Für noch mehr Zerstreuung gibt’s im Garten ein riesiges Puttinggrün, Massagesessel und Hollywoodschaukeln. Kaum nehme ich Platz, reicht man mir kalte Handtücher, Sonnencreme und – na klar – Cocktails.
Im Prinzip ein perfektes Ambiente, um ein Golfturnier abseits des Golfplatzes zu verfolgen. Alles wunderbar also, wäre da nicht der Umstand, dass das Turnier selbst nicht unerreichbar am anderen Ende der Welt, sondern nur ein Par 5 entfernt stattfindet. Daher warte ich sehnsüchtig auf das Eintreffen meines Kontaktmannes, der mir den Eintritt in Augusta National in unserer vorangegangen Korrespondenz zwar nie garantiert, aber doch mit allergrößter Wahrscheinlichkeit in Aussicht gestellt hatte.

alt


Endlich wirklich „Inside The Masters“!

Dann ist er da, der besondere Moment. Alan, ein feiner Brite, und seit 20 Jahren eine Art Zeremonienmeister im VIP-Club händigt mir einen Pass aus, den ich mit leicht zittrigen Händen, wie Indiana Jones den Heiligen Gral, umfasse.
Gönnerhaft schickt er mir noch ein „here you go, Gerald, have fun“ nach. Ab geht’s die knapp 200 Meter hinunter Richtung Haupteingang. Wie in Trance lasse ich die zwei (!) Security-Checks (wie am Flughafen) und die Anweisung, Handy und Kamera im Welcome Office abzugeben, über mich ergehen. ­Augusta National Golfclub, ich bin da!
Verständnislos blicke ich jenen Menschen nach, die mir entgegen kommen und gerade aus dem Club hinaus spazieren, am Finaltag!
Mir ist das nicht unrecht, gibt es so weniger Mitstreiter um die guten Plätze. Die sind aber natürlich schon besetzt. Von Fans, die schon Stunden vor Öffnen der Gates, mit Klappstühlen bewaffnet, das Rennen um die Hot-Spots eröffnen. Was allerdings auch ­einen angenehmen Effekt mit sich bringt: Selbst hinter diesen Sitzreihen (maximal 10–15) hat man bequem stehend einen ­ausgezeichneten Blick auf das Geschehen. Ausgenommen natürlich, Tiger tapst gerade vorbei. Dann gibt’s für kurze Zeit „standing ovations“.
Mit dem aktiven Zuschauen dauert es aber bei mir noch ein wenig, da ich zunächst ­Augusta unplugged inhaliere: Selbst vor Ort fällt es schwer, das Gras nicht mit einem hochflorigen Teppich zu verwechseln; dazu das Blumenmeer, die blütenweißen Bunker und, kaum zu glauben, eine Berg- und Tal-Bahn als Golfplatz. Das sieht doch im Fern­sehen alles so schön flach aus?

alt


Die Stars hautnah

Aber noch während ich mich über dieses ­hügelige Augusta wundere, reißt mich tosender Applaus aus meinen Gedanken: Auf Loch 18 betreten Phil Mickelson und Vijay Singh das Grün. „Bloß nicht nur auf Loch 18 bleiben“, trichtere ich mir ein und vorbei an Goosen/Poulter, Harrington/Romero, Johnson/Weekley und den Landmarks wie Nicklaus und Palmer Gedenktafeln, finde ich das Objekt meiner Begierde: Tiger Woods, der aber zu diesem Zeitpunkt schon etwas resignierend die 14. Bahn entlang schritt. Gut so, bleibt mehr Zeit für ein weiteres Must, den Amen Corner. Der beste Platz liegt hinter dem 12. ­Abschlag, von dem man auch das 11. Grün und das 13. Tee überblickt. Mein Timing ist perfekt: Der Top-Flight mit dem späteren Sieger Trevor Immelman und Brandt Snedeker schlagen gerade ihre Bälle über „Rae’s Creek“ aufs Grün des berühmten Par 3. Noch schnell ihre Teeshots auf Loch 13 bewundern, dann eile ich zum nicht minder legendären Loch 16, das letzte Par 3.
Unter einer mächtigen Pinie warte ich auf die nächste Gruppe und schwelge in Erinnerungen an legendäre Momente, die sich auf diesem Loch zugetragen haben: etwa wie der Chip-In von Tiger 2006 aus dem Nirgendwo, oder die Holes-In-One von Harrington, Immelman (2007).

Final Hole

Die letzte Gruppe überholend, ­begebe ich mich auf den 18. Abschlag. Schon ­allein, um einmal die beängstigende Optik vom Tee Richtung Fairway live zu erleben: Der Blick in die vielleicht 30 Meter breite Allee aus ­hunderten Zuschauern links und rechts der Spielbahn, ist für uns Hobbygolfer eine vermutlich unüberwindbare psychologische Hürde.
Paul Casey und Steve Flesch spüren davon ­wenig, platzieren ihre Drives und wenig später hört man vom 420 Meter entfernten Grün ein Mordsgetöse. Das Leaderboard verrät kurz ­darauf, dass Tiger sein letztes Loch gebirded hat, was ihm am Ende aber auch nichts genützt hat. „Nur“ Platz 2!
Mit dem letzten Flight spaziere ich Loch 18 hinunter, und das ist wörtlich zu verstehen. Das Fairway fällt rund 100 Meter nach dem Tee steil nach unten in eine lange Senke. Vor dort aus ist das Grün nur mehr 150 Meter entfernt, aber auch etliche Höhen­meter. Man sieht eigentlich nur die Bunker links vorm Grün, ­einen Zipfel der Fahne und Menschen bis zum Horizont. Von dort gilt es, einen ­beherzten Schuss in den blauen Himmel zu knallen und das stark ondulierte Grün zu treffen. Noch bevor die beiden Protagonisten ­genau das versuchen, bahne ich mir meinen Weg Richtung Green. Das Gedränge nimmt erstmals ernsthaft zu, trotzdem gelingt es mir (danke nochmals an die Fans mit den Klappstühlen) einen Platz oberhalb des Grüns zu ergattern, von dem ich recht gut die letzten Putts einsehen kann. Während ein paar Meter von mir ­Trevor Immelman seinen Parputt locht und der finale Begeisterungsausbruch des Publikums kurzfristig meine Gehörgänge paralysiert, spaziere ich Richtung Mega-Devotionalienzentrum, sprich Merchandisingzelt.

alt


Der Epilog

Auf dem Weg dahin sehe ich, wie Immelman von Frau, Eltern, Freunden und Coaches umarmt wird, sein Caddy das Bag ausleert und Bälle und Handschuhe ins ­Publikum wirft.
Und derweil das TV-Publikum die Übertragung der Vor-­Siegerehrung aus der Butlers Cabin serviert bekommt, ­tausche ich fleißig meine Dollar gegen Masters-Souvenirs. Trotz 20 (!) Kassen eine echte Geduldsprobe, aber das muss auch sein! Ohne Kapperl, Bälle und Shirt mit Masters-Logo, vielleicht noch Tassen, trete ich die Heimreise nicht an.
Rechtzeitig zur offiziellen Siegerehrung bin ich aber ­wieder am Ort des Geschehens, nämlich auf dem Platz vor dem Clubhaus, der mit Rednerpult und Bestuhlung auf die ­berühmteste Zeremonie im Golfsport wartet.
Immer mehr honorige Herren in grünen Jackets (die Clubmitglieder!) werden durch die Zuschauermenge, die jetzt auf vielleicht nur mehr 2.000 Hartgesottene geschrumpft ist, geleitet und die Sitzplätze füllen sich zunehmend mit Offiziellen. Schließlich ergreift der Chairman von Augusta National das Wort und spult eine 10-minütige Begrüßungsorgie ab, bei der er die Vertreter aller weltweiten Landesverbände (darunter auch Franz Wittmann) und Organisationen (von PGA bis USGA) willkommen heißt und sich bei Zuschauern, Greenkeepern, freiwilligen Helfern und den Medien bedankt. ­Endlich hilft dann Vorjahressieger Zach Johnson dem frischgebackenen Master Champ Trevor Immelman unter tosendem Applaus ins neue Kleidungsstück und darf auch was sagen. Zurück im VIP-Club versuche ich bei Steak und Bier die kaum fassbaren Eindrücke zu verdauen und gönne mir noch zwei Dosen Red Bull. Schließlich liegt eine vierstündige Nachtfahrt durch die Südstaatenprärie mit Tempo 90 vor mir. Ich hab nämlich morgen eine frühe Teetime in Hilton Head/Harbour Town, bevor am Nachmittag der Tourtross eintrifft und das nächste PGA-Turnier beginnt. Danke, Golfgott!

Alle Infos zum Reise-Paket finden Sie in der Printausgabe der Golfrevue 6/2008 (Seite 75) oder unter www.golfandmore.cc

Ähnliche Artikel aus dem Archiv

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar