City of Golf [0]

Ehre, wem ehre gebührt. Wenig steht auf des Golfers Wunschliste weiter oben als eine Reise in die gelobte Stadt: Saint Andrews. Trotz mächtiger Schritte Richtung Kommerz erlaubt sich die Wiege des Golfsports nach wie vor die feinsten schottischen Schrullen. Zum Glück, findet Alex Kramel (Text & Fotos).

Aus Golfrevue 4&5/2009

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Wären wir Papst, wir küssten die Erde: St. Andrews ist wie das Ziel einer Pilgerreise. Endlich angekommen im Allerheiligsten – für Golfer. Geschichte und Moderne geben sich die Hand, und du wartest förmlich darauf, dass demnächst Old Tom Morris gemeinsam mit Tiger Woods um die Ecke biegt, um im „Dunvegan“, ein 9er-Eisen vom 18. Grün des Old Course entfernt, ein Bier zu trinken. So präsent ist hier alles, was mit dem Sport rund um den weißen Ball zu tun hat – und das seit zirka sechshundert Jahren, mehr oder weniger unverändert.

Hier werden die Regeln gemacht, die nur zu gerne von den schwarzen Schafen ein wenig gebeugt werden, hier entscheiden die honorigen Herren über Sein und Nichtsein der neuesten Hardware. 1754 als „Society of St. Andrews Golfers“ gegründet, ist der „Royal & Ancient“ die oberste Instanz für alle Golfregeln (und noch mehr). Den Old Course selbst betreibt aber der St. Andrews Links Trust, und dazu auch noch den New, Jubilee, Eden, Strathyrum, Balgrove und seit letztem Jahr den Castle Course.

Zum besseren Verständnis: Der Links Trust ist eine staatliche, nicht auf Gewinn orientierte Gesellschaft, deren Überschüsse der Stadt St. Andrews zugute kommen. Golf (und natürlich Golftourismus) hat sich über die Jahre zur Haupteinnahmequelle entwickelt. Die Kurse des Links Trust, also auch der ehrwürdige Old Course, sind öffentlich, daher für jedermann zu bespielen, für die meisten benötigen Sie nicht einmal ein Handicaplimit. Dass die Plätze wirklich dem Volk gehören, sieht man am Sonntag, wenn der Old Course geschlossen wird und sich in den größten Picknickplatz der Stadt verwandelt.
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St. Andrews als Mekka des Golfsports zu bezeichnen ist schlicht eine Untertreibung: Nirgendwo ist Golf ein derart zentrales Thema wie in der schottischen Küstenstadt.

 

40.000 Runden Golf. Auch wenn es nur zum Küssen des Old Course kommt, Startzeit war mir keine beschieden, gönne ich mir im Jigger Inn, dem Pub am Road Hole, den Zauber dieses legendärsten aller
Golfkurse. Etwa 600 Jahre alt und von keinem Architekten geplant, wurde ursprünglich auf 12 Loch in zwei mal 10 plus 2 Loch gespielt (fragen Sie uns bitte nicht warum!).

Erst knapp hundert Jahre nach der Gründung der „Society of St. Andrews Golfers“ wurde 1858 der Standard einer Golfrunde auf 18 Loch festgelegt. Die erste „Open Championship“ 1860 – in Prestwick – wurde dennoch über dreimal 12 Loch gespielt und sah Willie Park vor Old Tom Morris als ersten Open- Champion.

Zurück zum Firth of Fife: Der Old Course wurde zwar über die Jahre immer ein wenig umgestaltet und adaptiert, ist jedoch weitgehend so erhalten, wie ihn die Natur vor sechs Jahrhunderten modelliert hat. Dazu gehören die übergroßen Doppelgreens, die Putts bis zu 80 Meter erfordern, oder die nach Dramen benannten Bunker wie die „Sands of Nakajima“, der berühmte Road-Hole-Bunker auf Loch 17, wo schon viele British-Open-Träume platzten. Unter anderem eben jener des Japaners Tommy Nakajima 1984, als er in aussichtsreicher Position vier Schläge benötigte, um dem biestigen Bunker zu
entkommen, und hoffnungslos zurückfiel.

Nicht minder berühmt ist das Valley of Sin vor dem 18. Grün, das sich, wie auch Tee 1, quasi mitten in der Stadt befindet. Das sorgt für jede Menge Zuschauer auch an Tagen ohne British Open. Und wenn aus dem Starterhäuschen der Name jenes Spieler genäselt wird, der ans Tee darf, fährt demjenigen garantiert die Gänsehaut auf. Umso mehr, als man zu den glücklichen 40.000 gehört, die eine Tee-Time ergattert haben. Entweder über das Reisebüro seines Vertrauens, über die Lotterie oder das Internet – ab September gibt’s für das darauf folgende Jahr virtuelle Schleusen, die für ein paar Tage geöffnet werden und eine richtig gute Chance bieten, die 190 Pfund abzulegen, die für eine Runde am Old Course fällig werden.

„Müsste ich für den Rest meines Lebens einen einzigen Golfplatz spielen,
ich würde den Old Course wählen.“    Bobby Jones

Tee-times bekommen auch ausgewählte Hotels für ihre Gäste, etwa das berühmte Old Course Hotel, dessen Zimmer mit geraden Nummern auf den Old Course schauen, ein weiteres Kontingent steht den Mitgliedern der St. Andrews Clubs zur Verfügung. Auch vor Ort kann man immer noch auf eine Tee-Time hoffen: Beim täglichen „Ballot“, einer Lotterie, muss man sich, mindestens zu zweit, am Vortag bis Mittag anmelden, und mit ein wenig Glück darf man tags darauf auf die Runde. Bleibt noch die beste Chance auf eine Tee-time am Old Course: Man spaziert als Einzelspieler frühmorgens zum Starter und wird dann einem Zweier- und Dreierflight zugeteilt. Jede Menge Möglichkeiten also, auf dem heiligen Rasen des Old Course sein persönliches Divot zu schlagen.

Genug der Schwärmereien

Unsere Aufgabe war es nämlich nicht, auf den ausgetretenen Pfaden der Golfhistorie zu lustwandeln, sondern die „jungen Wilden“ von St. Andrews kennen zu lernen – keinesfalls ein Notprogramm. Wenige Fahrminuten südlich, aber immer in Blickweite von St. Andrews, liegt dann das jüngste Juwel des Links Trust, der eben erwähnte Castle Course.Er ist gleichzeitig der erste nicht auf dem Gelände des St.-Andrews-Links-Land gebaute 18-Loch-Platz.alt Auf dem erhöht über dem Meer und der Stadt liegenden, völlig flachen Geläuf hat man keinen Stein auf dem anderen gelassen. Es scheint, als hätte man trinkfeste schottische Baggerfahrer ins Pub geschickt, um sie kurz vor Sperrstunde auf ihre Gefährte zu setzen und ihnen nachzurufen: „Boys, have fun!“
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Entstanden ist ein Kurs, der so brutale Wellen wirft wie die schottische See bei Windstärke 10. Leider ist auch das Shaping auf und um die Greens sehr wellig ausgefallen, sodass man oft Schwierigkeiten hat, den Ball ins richtige Wellental zu bringen. Bei kleinen Abweichungen wird man gnadenlos abgeworfen oder hat Putts, bei denen man mit Seekrankheit kämpft. Bei unserem Besuch war die Green-Geschwindigkeit moderat, wenn die mal auf richtig zügig gemäht werden, na dann gute Nacht.
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Trotzdem, oder gerade deswegen, ist der Castle Course ein „must play“ mit Potenzial. Nicht nur, weil er zu einer berühmten Familie gehört. Loch 17 etwa, ein Par 3, das über eine Klippe angespielt werden muss, ist, mit der Silhouette von St. Andrews im Hintergrund, bereits jetzt ein viel fotografiertes „Supermodel“ und das Signature Hole des Kurses.

In unmittelbarer Nachbarschaft liegen zwei weitere Golf-Gustostückerln: Das um 13 Millionen Pfund um- und ausgebaute Fairmont Resort bietet 5-Sterne-Luxus mit allen Annehmlichkeiten, inklusive einer hervorragenden Whisky-Auswahl, wie ich schmerzlich feststellen musste. Die beiden hoteleigenen Golfplätze, der Kittocks- und der Torrance-Kurs, wurden in den letzten Jahren noch einmal redesignt und aufgemotzt. Das Gelände teilt sich in eine sanfte und eine raue Seite, wobei der Kittocks-Kurs nur zwei Bahnen auf der „Wildside“ hat, die er nach dem Umbau vom Torrance Course geerbt hat.
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Sams Meisterstück wurde diesen Sommer wiedereröffnet und kommt nächstes Jahr gleich zu hohen Ehren als Qualifikationsplatz für die 2010 wieder in St. Andrews ausgetragenen 139. Open Championship. Man hat hier in den letzen zwei Jahren vor allem an den Abschlägen und Drainagen gearbeitet. Außerdem wurden einige Bahnen sozusagen umgleitet, die Bunker deutlich schottischer – also tiefer – angelegt.

Nachdem man auf den ersten Löchern das Hotel in einer munter rollenden Landschaft umspielt, hat man das Gefühl, als hätte sich der Bauherr ab Kurshalbzeit die Baggerfahrer des Castle Course ausgeborgt, jedoch eine Spur nüchterner. Auch die Grüns sind um einiges zahmer.

Der vormals als Devlin Course (benannt nach dem Designer) bekannte, jetzige Kittocks Course gibt sich generell ein wenig sanfter, aber nicht minder attraktiv. Gestartet wird hier noch im Gleichklang mit dem Bruderkurs, jedoch biegt der Kittocks-Kurs dann nach links zum Meer hin ab. Seine Fairways laden ein wenig mehr zum Bolzen ein, aber Vorsicht: Auch hier ist man schnell in Schwierigkeiten.alt

Was alle Kurse dieser Gegend gemeinsam haben: Jede Bahn ist von hohem Steppengras eingefasst und hat entweder das ehrwürdige St. Andrews oder die Nordsee als Kulisse. Mit denselben Attributen gesegnet ist ein weiterer Links-Klassiker der Gegend, nur wenige Autominuten südlich von St. Andrews: Kingsbarns, wo (mit dem Old Course und Carnoustie) alljährlich die Alfred Dunhill Links Championship stattfindet, wurde 2000 quasi neu eröffnet.

Der ursprüngliche Platz, 1922 erbaut, musste im 2. Weltkrieg Federn lassen. Mit Kingsbarns setzt man jedenfalls ein feines Rufzeichen hinter einer Reise in die gelobte Stadt. Aber das nächste Mal mache ich bei der Tee-Time-Lotterie für den Old Course mit. Garantiert!

Schlaue Infos auf einen Blick: St. Andrews

Die Grafschaft Fife ist quasi das Epizentrum für Linksgolfmaniacs, gespickt mit unzähligen Top-Golfplätzen. Allen voran natürlich die geschichtsträchtigen St.-Andrews-Links-Kurse.

Die Anreise erfolgt am bequemsten via Edinburgh. Dann ist es noch zirka eine Stunde mit dem Auto. Die „jungen wilden“, südlich der Stadt gelegenen Kurse gehören zum Feinsten, was modernes Linksgolf zu bieten hat.

Castle Course:
18-Loch, Par 71, 4.993–6.178 Meter,
Greenfee zwischen 95 und 140 €, je nach Saison und Pfund-Kurs, von November bis März geschlossen
Einer von insgesamt sieben Kursen aus dem St. Andrews Links Trust

The Fairmont St. Andrews:
Internationales 5-Sterne-Refugium mit allem, was zu einem guten Golfresort gehört, vom Spitzenservice bis zur Wellness-Oase. Die zwei hoteleigenen Plätze sind top.

Torrance Course:
18-Loch, Par 72, 4.952–6.611m
Kittocks Course: 18-Loch, Par 71, 5.399–6.576m
Greenfee zwischen 45 und 85 €, je nach Saison und Pfund-Kurs

Kingsbarns:
altDer ursprüngliche Kurs entstand 1922, wurde aber im Krieg in einen Acker umfunktioniert und 2000 vom Kitzbühel-Eichenheim-Designer Kyle Phillips wieder aufgeweckt. Dank seiner Lage direkt am Wasser und dem atemberaubenden Ausblick sollte er Fixpunkten jeder St.-Andrews-Reise sein.
18-Loch, Par 72, 4.729-6.566 Meter
www.kingsbarns.com

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