England

In den Divots der Großen [0]

Die British Open erinnern uns daran, dass es in Großbritannien eine Art von Golfplätzen gibt, die zuerst unseren Widerstand bricht – und dann unser Herz. George Traun durchstreifte für Sie das Rough von Englands grandioser Golfküste. Nach Loch zehn reichte es mir. Verantwortlich dafür war weniger der eisige Wind, der mich so steif gemacht hatte wie einen Triple-X-Schaft, noch der Regen, der mein Gesicht harpunierte wie 1000 Pfeilspitzen.

Aus Golfrevue 3/2006

Es waren vielmehr einige Golfer, die mir auf dem elften Fairway entgegen taumelten, offensichtlich Mitglieder in diesem Club, eine Apokalypse aus blau gefrorenen Gesichtern und tief in den Höhlen liegenden Augen, die mich wortlos warnte: „Keinen Schritt weiter, Fremder, du bist zu jung, um im Ginster und Heidekraut zu sterben.“ Also kehrte ich ebenfalls um, obwohl mir mein Freund Steve die zweiten Neun von West Lancs, wie der GC West Lancashire gerufen wird, besonders ans Herz gelegt hatte. Eine hinreißende, sportliche Wiese, unweit von Liverpool in den Uferdünen an der Irischen See gelegen, elf der 18 Löcher brutal über 400 Yards lang. West Lancs ist ein Qualifikationskurs für die British Open: 1976 etwa matchten sich hier Jose-Maria Olazabal, Nick Faldo, Bernhard Langer und Ian Woosnam um einen Startplatz – alle vier haben übrigens später in einer wärmeren Gegend das Masters gewonnen.

West Lancs, schwärmt Steve immer, ist ein Kurs der Kontraste: Hügel und Mulden, teilweise dem Wind ausgesetzt und dann wieder versteckt in den Dünen, die Grüns fest wie Parkettböden, die Bunker raffiniert platziert, aber nicht ganz so derb tief. Doch ich hätte halt nicht im Februar kommen sollen, bei fünf Grad Plus und einem Regen, der auf den Kämmen der Dünen in Schnee überging. Meine Schuld: Wer verliebt ist in Links Golf, der fühlt sich unverwundbar, auch wenn das Meer plärrt und das Gras sich im Winterwind flach macht wie ein Kater, der eine Maus anspricht.

Die Guten & die Besten

Im Clubhaus des West Lancs, schmucklos barackenhaft wie viele hier, erreichten Gehirn und Gedärm langsam wieder Betriebstemperatur. Zuerst bei einem Tee, dann bei einem anschmiegsamen Brandy, denn das Restaurant ist fully licensed. Warum West Lancs überhaupt im Winter? Nun, weil er sich im Sommer davor nicht mehr ausgegangen war. Damals war meine Mission in Sachen „Golf um Liverpool“ bestens verlaufen, weil sonnenbeschienen: Auf dem Küstenstreifen an der Irischen See zwischen Wirral, etwas unterhalb von Liverpool, und Blackpool drängeln sich ja mehr als ein Dutzend der weltbesten Links-Plätze. Teilweise sind sie nur durch einen Zaun voneinander getrennt, wie Royal Birkdale und Hillside, bisweilen liegt ein Meeresarm zwischen ihnen wie bei Wallasey und West Lancashire. Was sie sich teilen – und deshalb ziehen sie Pilgerscharen von Golfern an –, ist der kräftige Wind und eine von Dünen, Brackwasser und kleinen Flussmündungen zernarbte Uferlandschaft. Fairways entstehen hier auf die natürlichste Art der Welt, die Architekten brauchen nur mehr Tee-Boxen abzuladen und Grüns abzustecken – fertig ist der Golfplatz. (So einfach ist es natürlich nicht, weshalb auch tolle Architekten mitgeholfen haben, von Old Tom Morris aufwärts.)

Links-Golf: Mehr brauchen richtige Golfer nicht, um Höhepunkte zu erleben und Demut zu erfahren. Und golferische Dinge zu entdecken, die sie noch an ihre Enkel weitergeben werden: „Hat euch Opa schon erzählt, wie er damals in Hillside mit einem Neuner-Eisen das 180 Meter lange Par 3 getroffen hat?“ (Unerwähnt bleibt die Geschichte vom 120 Meter langen Par 3 das in der selben Runde für Opa mit dem Driver unerreichbar war, weil nämlich Gegenwind, Sie verstehen?).

Lauter Perlen

Die Plätze an Englands Golf Coast liegen wie auf einer Perlenkette aufgereiht (dass sie mit dem Auto dennoch schwierig zu erwischen sind, ist eine andere Geschichte) und wir lassen sie von unten nach oben durch unsere Finger gleiten. Der südlichste Kurs, Heswall, ist eine Mischung aus Links und Parkland, ideal, um sich auf Zukünftiges einzustimmen. Dann Caldy, bereits deutlich more linksy, mit schneidigen Fairways, die am Fluss Dee und am Meer liegen. Caldy besitzt exzellente Grüns, die nach den Normen der USGA aufgebaut sind.

Der erste Höhepunkt: Royal Liverpool, heuer Schauplatz der British Open. 1869 gebaut gibt es in England nur einen Kurs am Meer, der älter ist, Westward Ho! in Devon. Der Kurs ist relativ flach, aber durch den Variantenreichtum der Spielbahnen und den Wind ein kniffelige Herausforderung. Gäste spielen Royal Liverpool mit rund 5600 Meter, für die Open ist der Par-72-Platz 6500 Meter lang: Nur damit Sie sich nicht zu sehr über Birdies und Pars freuen. Das riesige Clubhaus ähnelt eher einem College und der Trophy Room würde der Schatzkammer eines hiesigen Erzherzogs alle Ehre machen.

Eine interessante Geschichte erfährt man im GC Wallasey: Hier war Dr. Frank Stableford Mitglied – genau: dieser Stableford. Weil sich die Clubmitglieder auf Zählwettspielrunden immer ärgerten, dass nach früh verpatzten Löchern die Runde eigentlich schon beim Teufel war, entwickelte Stableford sein Punktesystem. 1932 wurde es erstmals verwendet, ist aber noch immer in weiten Teilen Britanniens nahezu unbekannt.

Es folgt auf der anderen Seite der Mersey-Mündung West Lancashire und von dort geht’s weiter mit Formy und Formby Hall. Formby ist bekannt für seine vorzüglichen Fairways, die leider zum Großteil von Föhren begleitet werden. Wo’s keine Bäume gibt, bilden Heidekraut und sonstiges Rough eine natürliche Grenze zwischen Gut und Böse. Kurios: Innerhalb der 18-Loch-Runde liegt der Formby Ladies GC, vom Formby GC völlig unabhängig. Formby Hall wiederum ist ein moderner Parkland-Platz (Links-Zitate finden sich vor allem bei den Bunkern und der Rough-Gestaltung), gerade zehn Jahre alt, aber bereits Gastgeber eines Challenge-Tour-Events. Zwei Klassiker sind Southport&Ainsdale – hier wurden 1933 und 1937 die ersten beiden Ryder-Cup-Matches auf europäischem Boden gespielt – und Hillside, dessen zweite Neun Greg Norman als die besten back nine in Britannien lobte. In Hillside kommen zu allen Linksattributen auch beachtliche Höhenunterschiede, die manche Grüns wie das Rund eines Amphietheater aussehen lassen.

Bereits acht Open durfte Royal Birkdale ausrichten, einer der Top-Drei in England. Dieser Club wurde 1889 gegründet und war seiner Zeit stets voraus: So durften von Anfang an Frauen die Links benutzen. Der Wind kann hier ein brutaler Gegner sein, irrt man in den Fußstapfen des Open-Siegers Arnold Palmer durchs kniehohe Rough. Den Baustil des Clubhauses nennen die Briten Art-Deco; man könnte auch sagen, es ist vom Konstrukteur einer Klimaanlage entworfen. Bleiben noch Hesketh GC, ein eher braver Links, und das Trio Royal Lytham & St. Annes, Fairhaven und St. Annes Old Links. Der royale Platz ist der einzige Open-Kurs, der mit einem Par 3 beginnt. Fairhaven ist nicht nur für seine hübsche Optik, sondern auch für seine Fasane bekannt. Im GC St. Annes hat auch ein Österreicher Spuren hinterlassen: In der ersten Qualifikationsrunde für die Open 1996 spielte Rudi Sailer mit einer 65 Platzrekord.

Wohl Bekomms!

Was wir Steve nicht fragen können – da ist er Partei –, ist, wie man als Tourist eine Woche England gastronomisch und logismäßig übersteht. Die Zeiten, da englisches Essen in den Bereich der Körperverletzung fiel, sind glücklicherweise vorbei. Nicht, weil die Gesetze strenger geworden sind, sondern weil Jamie Oliver und ins Ausland reisende Briten die heimische Szene positiv beeinflusst haben. Dennoch rate ich zu verstärktem Frühstück (allerdings ohne Black Pudding und Porridge) und zur Einkehr in ausländisch geführten Restaurants (Inder schlagen Chinesen 6/5, Italiener scheitern am lausigen Wein).

Wohnen ist am lustigsten bei Bed & Breakfeast: Man kriegt Sightseeingtipps und lernt interessante Menschen kennen. Ich etwa einen Greenkeeper von Birkdale, weshalb mich das Greenfee dort nur drei Biere für den Burschen gekostet hat. Cheers!

Schlaue Infos auf einen Blick: British Golf Coast – Golf um Liverpool


Anreise / Übernachtung / Unterhaltung:
Auch wenn es „Golf um Liverpool“ heißt, sollten Sie nach Manchester fliegen (hin/retour etwa 450 Euro, zu finden etwa bei www.odopo.de), weil Sie der Flug dann um die Kosten für den Mietwagen preiswerter kommt. Hotels lassen sich via Internet vorbuchen, mit etwas Chuzpe kriegt man auch nachmittags um sechs noch ein B&B. In Liverpool, der Heimat der Beatles, ist am meisten los (www.visitliverpool.com), doch auch die Seebäder (etwa Blackpool mit seinem kolossalen Vergnügungspark) sind eine Hetz.

Die besten Infos gibt’s unter www.englandsgolfcoast.com sowie www.uk-golfguide.com und den Sites der Clubs. Die Greenfees (telefonisch vorbestellen, auch wegen der Member’s Days) liegen umgerechnet zwischen 42 Euro (18 Loch im St. Annes Old Links) und 200 Euro (ein Tag in Lytham & St. Annes, nur Montag bis Donnerstag).

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