Unter uns der Himmel [0]

Einmal eine Möwe sein! Der Grund: Nur aus der Vogelschau lassen sich die faszinierendsten Plätze in Neuseeland in ihrer ganzen Wucht genießen. Auch wenn wir Helikopter-Golf für die pervertierteste Version der Spritvergeudung halten (Merke: Golf is a walking sport!): Es gibt Momente, da zweifeln selbst wir an unseren Prinzipien.

Aus Golfrevue 4&5 2006

 

Etwa gleich am ersten Abschlag im GC Kauri Cliffs auf Neuseelands Nordinsel, rund 400 Kilometer nördlich von Auckland gelegen: Wir sehen zwar links das Rough und vorne, hinterm Fairway, das Meer und eine Andeutung der Klippen, auf denen der Platz parkt. Aber wie grandios müssen es erst die Möwen erleben, die kreischend über unseren Köpfen dahinsegeln. Manche Bahnen machen auch von der Erde aus schmähstad. Etwa die Fünf, ein Par 3, das je nach Geschlecht und Genie zwischen 100 und 180 Meter lang ist: Je länger, desto weiter muss der Ball über eine niedrig bewaldete Schlucht gespielt werden, die in 100 Jahren wahrscheinlich mit Golfbällen aufgefüllt ist. Ähnlich brutal die Sieben, ebenfalls ein Par 3 und eines von sechs Löchern, die – direkt auf der Klippe hockend – parallel zum Meer führen. Bitte nur keine Abschneider spielen, die man später bereut. Die in diese Richtung ausgesprochene Warnung liest sich im Yardage Book beim kräftig nach links gekrümmten Loch 17, getauft Rainbow, so: On the tee, don’t bite off more than you can chew. Aber bitte: Wer will schon an einem Golfloch ersticken?

Der für Kauri Cliffs zuständige US-Platzarchitekt David Harman (seine bisherigen Highlights sind die zwei Orlando-Plätze Panther Lake und Crooked Cat; beide dienen der US PGA Tour als Qualifikationsplätze) hat sich mit Kauri Cliffs einen Platz im Designer-Himmel gesichert. Die Klippen hat Harmann mit feinstem Gras tapezieren lassen, mehr Kunsthandwerk als Gartenarbeit. Die baumlose, vom Wind leergefegte Höhe hat Harmann zudem mit Potbunkern und welligen Fairways, verbrämt mit buschigen Roughs, in eine Art Linksplatz verwandelt. Von den tipps, den hintersten Tees, misst der Platz 6510 Meter. Netterweise gibt’s fünf Sets von Tee-Boxen, damit Erleben vor Überleben kommt.

Minimal Art

Unsere nächsten beiden Weltwunder haben den selben Architekten, Tom Doak, sie sind allerdings durch tausende Kilometer Wasser voneinander getrennt: Cape Kidnappers liegt ebenfalls auf der Nordinsel von Neuseeland, Barnbougle Dunes hingegen in Tasmanien, der Insel im Süden Australiens. Nach Neuseeland kam der amerikanische Minimalist Doak, der beim Golfplatzbau nichts so sehr hasst wie muskulöse Bagger und endlose Lkw-Karawanen, mit einem simplen Ziel: Golflöcher bauen, die es nirgendwo sonst gibt. Da der liebe Gott die Gegend ohnehin für Golf reserviert zu haben schien – Doak: „Wären die Klippen über der Hawke’s Bay nur einen Hauch höher gewesen, gäbe es hier einen Nationalpark.“ –, hatte es Doak nicht allzu schwierig.

Die Landschaft nahe der Stadt Napier ist von gewaltiger, bizarrer Schönheit: Von schmalen Schluchten zersägte Klippen, die sich zum Meer hin orientieren und damit eine für weniger begabte Spieler grimmige Art von Target-Golf möglich machen. Und noch eine Art von Grausamkeit hält Doak hier bereit: Die Grüns scheinen alle zum Meer hin auszulaufen, was den Schlag zur Fahne zur equilibristischen Übung erhöht. Dann schon lieber gleich in einen der vielen Bunker, da weiß man wenigstens, dass der Ball (noch) nicht verloren ist.

Der Name Cape Kidnapper stammt übrigens aus dem Jahr 1769. Damals segelte der britische Entdecker Captain James Cook mit seiner Flotte hier vorbei. Eine Gruppe Maori wollte bei einem Landgang einen tahitianischen Schiffsjungen entführen, was Cooks Matrosen aber vereitelten. Und schon hatte dieser Landstrich seinen hübschen Namen.

Ein Traum, ein Gedicht

Im Jahr 2000 beschloss der damals 24jährige Australier Greg Ramsay seinen Traum vom eigenen Golfplatz zu realisieren. Er überzeugte einen Bauern im Norden Tasmaniens, Richard Sattler, dass die Dünenlandschaft neben dessen Rinder- und Erdäpfelfarm ideal für einen Links-Kurs wäre, obwohl der Landwirt keine Ahnung von Golf hatte (und es damals auch nicht mochte). Das war gut so: Sattler war es, der sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in das Projekt verbiss, die richtigen Leute fragte, den richtigen Architekten überzeugte, nämlich Tom Doak. Seit Ende 2004 ist Barnbougle Dunes nicht nur der beste Platz Tasmaniens, sondern auch eine Wiese, die selbstbewusst die Design-Klassiker im Sandbelt von Melbourne um den Titel „Australiens Nummer 1“ herausfordert – und das, obwohl er weit weg vom Schuss liegt.

Doch die Pilgerfahrt in den Norden Tasmaniens zahlt sich aus. Von den 18 Löchern sind maximal zwei, drei normal, sprich so, dass man sie wieder vergisst. Der Rest sieht aus, als wäre er bereits seit 100 Jahren auf der Welt und lebt von atemberaubenden Ausblicken auf den Indischen Ozean, der hier Bass Strait heißt, und die Dünenlandschaft, durch die er munter mäandert.

Barnbougle Dunes ist kein langer Platz, aber wie auf allen Links-Plätzen hat der Wind bei jedem Schlag ein Wörtchen mitzureden. So kann man auf Loch 5, einem Par 3 mit rund 200 Meter Länge, ebenso sein Eisen Fünf schwingen wie auf der Sieben, einem Par 3 mit 110 Meter. Ebenfalls sehr linksy ist das Design, das dem Golfer alle Freiheiten lässt, wie er das Loch spielen will. Der kürzeste/sicherste Weg wird nicht vom Architekten vorgeschrieben: Man setzt ihn sich aus vielen Puzzle-Steinen zusammen, wie es auch bei Plätzen wie dem Old Course in St. Andrews eine stetige Herausforderung ist.

Bleibt noch etwas, wofür man diesen Kurs loben muss: Obwohl mittlerweile in den Top 100 der Welt vertreten, ist eine Runde in Barnbougle Dunes mit umgerechnet 65 Euro ein leistbares Vergnügen geblieben.

Schlaue Infos auf einen Blick: Golferlebnisse am RAND der Welt – NEUSEELAND


Zum Einstieg:
Unsere drei Traumplätze liegen so weit auseinander, dass es garantiert eine Woche und 12 geopferte Lebensjahre dauert, um sie unter einen Hut zu kriegen. Als Höhepunkte einer Reise nach Australien ODER Neuseeland lassen sie sich aber gut mit anderen Kursen kombinieren. Infos für Australien unter www.iseekgolf.com bzw. für Neuseeland www.golfguide.co.nz

Barnbougle Dunes:

Der Platz (Par 72, maximal 6200 Meter, Greenfee ca. 100 AUS $, ca. 65 Euro) liegt im Norden der australischen Insel Tasmanien nahe der Stadt Bridport. Von der tasmanischen Hauptstadt Hobart sind es mit dem Auto rund drei Stunden bis zum Club. Am Platz wohnt man in komfortablen Villen und Cottages, in der weiteren Umgebung gibt’s genügend Quartiere.

Kauri Cliffs:

Der Club (Par 72, ca. 6400 Meter, Greenfee 150 bis 200 Euro) liegt über der Matauri Bay, 25 Minuten vom Flughafen Kerikeri bzw. dreieinhalb Autostunden von Auckland entfernt. Wer’s hat (ab 400 Euro/Person/Halbpension), der logiert im Fünf-Stern-Lodge am Platz: Dieses hat nur elf Einheiten, was die Sache kuschelig macht. Minus: Das Greenfee ist nicht inkludiert.

Cape Kidnappers:

Der Platz (Par 72, maximal 6500 Meter, 150 bis 200 Euro) liegt in der beliebten Ferienregion Hawke’s Bay nahe der Stadt Napier. Direkt am Platz gibt’s keine Unterkunft, doch im Umkreis einer halben Autostunde finden sich Lodges und Hotels jeder Gemütlichkeits- und Preisklasse. www.hawkesbaynz.com

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