Kasachstan [0]

Die kasachischen Tagebücher

(aus GR 7/2006)

Eine Reise ins Herz von Asien, geplant als Fan-Trip zu den Kasachstan Open in Almaty, wuchs sich zu einer Expedition aus. Klaus Nadizar erforschte,entdeckte und führte Buch.

Die Einladung, die mir die elektronische Brieftaube vor wenigen Wochen in meiner Mail-Box hinterlassen hatte, mutete zunächst als verfrühter Faschingsscherz an: Dear Klaus, would you like to join us on a trip to the Kasachstan Open, a Challenge Tour Event at the end of September? Yours sincerely, Jamie Hodges, Parallel Media Group.

Golf in Kasachstan? Das schreit nach Google, wo mir allerdings kaum Information zuteil wurde. Die ausgewiesenen Homepages waren allesamt in Russisch verfasst, eine Sprache, die bei mir schwer defizitär bilanziert. Zumindest geographisch konnte ich das Thema verdichten: Zentralasien, Nachbarstaaten China, Russland, Kirgisien, Usbekistan, Turkmenistan. Himalaya im Süden, Gobi im Nordosten – zwei geographische Anker.

Almaty, das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Kasachstan, sollte das Ziel der Reise sein. Auch darüber ließ sich einiges ergoogeln: Einst Hauptstadt, wurde Almaty am Fuße des Tien-Shan-Gebirges aus geopolitischen und erdbebentechnischen Gründen (Kasachische Schwelle!) von Astana abgelöst. Diese Retortenstadt in Zentralkasachstan wurde auf Wunsch des Präsidenten Nursultan Nasarbajew angelegt, und was sich der Präsident wünscht, ist oberstes Gebot.

Golf gehört übrigens auch dazu, weshalb man Nasarbajew (HC 12) mit Golf-Größen in der kasachischen Golfzeitschrift „golf.kz“ posieren sieht. Letzter Coup: Eine Golf-Clinic mit Seve Ballesteros in Astana, wo gerade der erste 18-Loch-Platz in der neuen Hauptstadt im Werden ist. Soweit die Vorbereitungen, die auch ein Visum inkludieren, samt Bittbrief mit dem Zweck der Reise, abzugeben in der kasachischen Botschaft in Wien. Kasachstan will sich ja schließlich auf seine Gäste entsprechend vorbreiten.

24./25. September

Nachtflug mit der Air Astana von Frankfurt nach Almaty. Mulmig, aber todesmutig recherchiere ich, was diese Fluglinie auszeichnet. Auf der Homepage lese ich, dass es sogar auf Inlandsflügen warme Mahlzeiten gibt. So was schafft Vertrauen. Man muss halt wissen, dass diese Flüge auch vier bis fünf Stunden dauern können, ist Kasachstan doch das neuntgrößte Land der Welt.

Bei der Einreise erkennt man rasch: Der Kasache an sich ist ausgesprochen gastfreundlich und begrüßt jeden Gast in einer recht langwierigen Prozedur, die damit beginnt, dass man in eine Kamera lächeln muss. Es ist ratsam sich an dieser Stelle jeden Anflug von Humor zu verkneifen. Da fehlt noch ein wenig das Verständnis.

Die Zeitumstellung (fünf Stunden) gelingt deutlich smoother als jene an die Sprache. Kasachisch hat wenig mit Russisch zu tun, was aber am Ende egal ist, weil ich ja das eine genauso so wenig im Repertoire habe wie das andere. Vice versa wurden die Kasachen bislang nur teil-angliziert, womit sich eine Sprachbarriere aufbaut, so hoch wie das nahe Karakorum-Massiv.

Martin Wiegele, der die Kazachstan Open bestreitet, und ich beschließen nach guter alter Forschertradition Almaty des Nächtens zu erkunden. Weil unser „Hotel“, eigentlich ein Sanatorium, das für die Woche der Kazachstan Open für Spieler und Officials zwangsevakuiert wurde, etwas außerhalb der Stadt liegt, ist ein Taxi vonnöten. An der Rezeption – dort wurden eigens zwei englischsprachige Damen platziert – erhalten wir den Namen des Restaurants auf Russisch. Für den Taxler. Bis heute weiß ich nur, dass das Restaurant sehr gut war und mit Z beginnt. Immerhin: Es gibt eine englischsprachige Speisekarte, auf der auffallend oft Pferd zu lesen ist. Wir lernen: Pferd ist so etwas wie das Nationalgericht, dem ich mich keinesfalls verschließen möchte. Wir bestellen verletzungsfrei, das Pferd kommt gekocht, portionsmäßig ungefähr als ganzes und auf einer etwa ein Quadratmeter großen Bandnudel. Gaumen und Magen sind gleichermaßen zufrieden.

Die Heimreise ins Sanatorium gestalten wir nach Kasachen-Tradition, in dem wir ein Auto heranwinken, mit 1000 Tenge, rund sieben Euro, wacheln und dem Fahrer in akzentfreiem Russisch „Alatau Sanatorium“ hinschmettern. Man muss wissen, dass jedes Auto in Almaty ein potenzielles Taxi ist, weil man sich so ein wenig Zubrot verdient. Unser Fahrer schaut traurig, murmelt etwas von „Germanski Maschina“, bringt uns aber in feinster Schu-macher-Manier sicher ans Ziel. Sehr rasch erkennt man: Die Verkehrsregeln haben bestenfalls akademischen Wert, es regiert das Prinzip des Schnelleren, Lauteren und Mutigeren. Wir haben jedenfalls den lautesten und mutigsten Fahrer erwischt. So viel Glück muss man erst einmal haben. Später erfahren wir, dass er uns für 300 Tenge auch nach Hause gebracht hätte.


26. September

Bestens akklimatisiert steht Punkt eins des klassischen Touristen-Triathlons am Programm: Das Tien-Shan-Gebirge, der Vorhof zum Himalaya und auch schon fette 7000 Meter an seiner höchsten Stelle. Punkt zwei und drei sind Medeo und eine Gondelbahn. Wir zittern uns mit einem Jeep auf einem Trampelpfad, der jedes Jahr von der Schneeschmelze weggewaschen und wieder neu angelegt wird, auf knapp 4000 Meter. Unser Fahrer ist der vierfache kasachische Tischtennis-Meister, dessen Englisch bis „Werner Schlager, Austria“ reicht.

Bei krispen zehn Grad wird gepicknickt, Pferdefleisch-Sandwich, Karottensalat mit Chilischoten und Samowar inklusive. Weil wir aber in Österreich halt auch jede Menge Berge haben, hält sich meine Begeisterung in Grenzen. Highlight war der feine Wodka, mit dem ich zwangsbeglückt wurde. Ein Ablehnen war nicht möglich, weil dies zu gröberen diplomatischen Schwierigkeiten zwischen Österreich und Kasachstan geführt hätte. Zumindest habe ich den Blick unseres Sherpas so interpretiert. Nasdarowje!

27. September

Ich darf pro/ ammen! Gemeinsam mit dem malayischen Botschafter in Kasachstan, einem schottischen Journalisten, dessen Englisch ähnlich exotisch klingt wie das der Kasachen, und dem Waliser Kyron Sullivan, der Nummer 4 der Challenge Tour Order of Merit. Der Platz präsentiert sich als echtes Gustostückerl mit etlichen feschen Wasserhindernissen, listigen Doglegs (etwa Loch 9) und panoramaträchtigen Holes. Der nunmehr schon zehn Jahre alte Kurs ist in Würde gereift, was der Qualität der Fairways und Grüns zuträglich war und bietet ein, sagen wir keck, zartes Schönborn-Feeling. Vor allem auf den Back-nine wird es phasenweise richtig eng, während vorne herum etwas mehr Platz für Streuung bleibt. Wenngleich das Rough hantig präpariert wurde und speziell um die Grüns letale Auswirkungen hat. Auch Martin Wiegele und Niki Zitny zeigen sich vom Platz begeistert: „Eine echte Herausforderung.“

Unser Team erreicht ein achtbares Top-10-Ergebnis und wir erleben am Abend den Auftritt der Volksmusikkapelle von Almaty. Weniger traditionell ist der plötzliche Einfall einer Cheerleader-Gruppe, der auch ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen war, optisch aber natürlich mehr hergab als die dick vermummte Mongolen-Band. Am Abend muss wieder Almaty herhalten, das Sanatorium ist mir doch ein Spur zu morbide. Obwohl die Ankündigung der Karaoke-Show nicht eines gewissen Reizes entbehrte: Trotzdem ziehe ich die Stadt vor.

In den „Sieben Küchen“ serviert man querbeet, von Sushi bis Shashlik, letzteres ebenfalls eine Art Nationalgericht. Etwas überrascht registriere ich den Preisspagat, der bei umgerechnet fünf Euro beginnt und bei 600 Euro (Suhsi) endet. Kreditkarten werden akzeptiert. Danach stürze ich mich ausgiebig ins Nachtleben, starte in der superschicken „Fahsion Bar“ und ende in der angesagtesten Disco der Stadt, dem „Club Crystal“. Die Preise orientieren sich streng Richtung Europa, allein der Eintritt im Club Crystal schlägt mit prächtigen 3000 Tenge zu Buche. Und wie das Amen im Gebet tritt Red Bull auf den Plan, das sich, verheiratet mit Wodka als das In-Getränk präsentiert. Preis: 1500 Tenge, umgerechnet zehn Euro.

28. September:

Die Kazachstan Open gehen in ihre erste Runde. Gesprächsthema Nummer 1 ist der deutsche Überflieger Martin Kaymer, der bei bislang sechs Challenge-Tour-Auftritten zwei Siege einfahren konnte und als schlechteste Platzierung einen 12. Rang verzeichnet. Schlanke sechs Turniere genügen dem 22-jährigen Düsseldorfer, um sich schon vorzeitig die Tourkarte für 2006 zu sichern. In Kasachstan nutzen die European Tour Productions die Zeit für ein Portrait des Deutschen und lassen ihn während des Interviews symbolträchtig mit der berühmten Koktyube-Gondel, die über einen Zoo führt, nach oben schweben.

Ich recherchiere in Sachen weiterer Golfplätze und entdecke auf einer kleinen Rundreise durch Almaty einen Pitch-and-Putt-Kurs sowie ein Schild „Zhailjau Golf Resort“. Letzterer, so bringe ich in Erfahrung, ist ein Palmer-Kurs und soll ein richtiger Heuler sein. Mir gelingt es, nach einigen erfolglosen Anläufen den englischen Manager Cliff Friedman zu kontaktieren und Samstag früh eine Tee-time zu ergattern. Friedman sagt, es fände zwar ein Turnier statt, aber das nehme man in Summe nicht so genau in Kasachstan. Ich solle einfach kommen.

29. September:

Keine besonderen Vorkommnisse, sieht man von der Players Party ab, die den exzentrischen Engländer Greig Hutcheon, der locker den Cut geschafft hat, Runde 3 nicht mehr erleben lässt. Wodkaschwer verschläft er die Startzeit am Samstag. DQ steht schließlich auf seiner Scorekarte.

30. September:

Zhailjau! Ein Wahnsinn von einem Golfplatz, den eine asiatische Investmentgruppe um schlanke zehn Millionen Dollar verwirklicht hat. Arnold Palmer durfte sich im wahrsten Sinne des Wortes auszeichnen, hat einen fontana-ähnlichen Kurs – große Grüns, Wasser, opulente Fairways – designed, dem zusätzlich 40 VIP-Villen zur Seite gestellt werden. Sämtliche Paläste, so kann man diese offensichtlich für Großfamilien konzipierten Prachtbauten durchaus bezeichnen, sind im Endstadium der Fertigstellung. Preis je Immobilie: ab acht Millionen Dollar. Falls Sie sich nun mit dem Gedanken spielen, in Kasachstan zu investieren: Vergessen Sie’s! Alle 40 Häuschen sind schon an den Mann gebracht.

Über den Kurs gibt’s nix zu jammern: Palmer ist ein Routinier und IMG sorgt vor Ort dafür, dass alle pflegetechnischen Maßnahmen nach Plan umgesetzt werden. Kein einfaches Unterfangen, wie Cliff Friedman erzählt: „Von den insgesamt 160 Mitarbeitern hat gerade mal ein einziger mit einem Golfball etwas anzufangen gewusst.“

1. Oktober:

Mark Pilkington (WAL) gewinnt die Kazachstan Open, die Trachtenkapelle spielt auf und die Cheerleader sind wieder da. Ich mache abends noch einen Ausflug nach Medeo, der berühmten Hochgebirgs-Eisschnelllauf-Arena und auf den Chimbulak, dem Nummer-1-Skiresort. Am Weg dorthin vermute ich auf Plakaten, dass sich Kasachstan für die Olympischen Winterspiele 2014 bewirbt. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie meinen es wirklich ernst.   


Reiseinfos

ANREISE

Die Verbindungen nach Almaty sind via Frankfurt oder Amsterdam sehr geschmeidig: Air Astana (www.airastana.com), KLM (www.klm.com) und Lufthansa (www.lufthansa.com) bieten sich an.

ALLGEMEINES

Für Kasachstan ist ein Visum nötig, das mit Foto und 40 Euro bei der Botschaft in Wien anzufordern ist. Die Währung in Kasachstan ist der Tenge (1000 Tenge sind etwa sieben Euro), der Dollar ist aber ebenso gerne gesehen wie der Euro. Das Klima ist ausgeprochen angenehm, weil kontinental: heiße, trockene Tage, kühle Nächte. Ideale Reisezeit sind die Monate von März bis Ende/ Mitte Oktober. Jede Menge Hotels westlichen Zuschnitts.

GOLF IN KASACHSTAN

Derzeit gibt es in Almaty zwei 18-Loch-Plätze sowie einen Pitch&Putt-Kurs.

Zhailjau Golf Resort, 18 Loch, Par 72, 5017 bis 6944 Meter. Greenfee: 65/130 Euro (wochentags/Wochenende).

Nurtau GC, 18 Loch, Par 72, 5705 bis 6916 Meter, Greenfee: 50/100 Dollar.

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