Zärtlich ist der Dschungel [0]

Die Südsee-Insel des Dietrich Mateschitz soll in anderthalb Jahren bespielbar sein, aber die Sache ist gottseidank sehr viel komplizierter. Laucala ist eine Insel der Südsee-Republik Fidschi haarscharf an der Datumsgrenze. Beim Suchen im Internet, speziell Google Earth (super!) ist die zweite Schreibweise „Lauthala, Fiji“ hilfreich.

Aus Golfrevue 6/2006

Ohne ein bissl Geschichte ist nicht zu kapieren, wieso man dort bald von Holz und Eisen reden soll. Mit der Menschenfresserei wollen wir uns nicht aufhalten, bloß soviel: Hier lebten die absolut-echt-original Kannibalen, und sie bereiteten ihre erlegten, freilich oft noch zuckenden Gegner, man denke an Hummer, mit großer Raffinesse zu, man kann fast sagen: mit Liebe. Nirgendwo gab es zivilisiertere Menschenverspeiser, sie hatten spezielle Erdlöcher mit einem Rost von Holzkohle und gedämpften Palmblättern für schonende Garzeiten.

Im Jahr 1862 überfiel der König von Tonga die Außenposten der Fidschi-Inseln, und die Menschen von Laucala fanden das offensichtlich gar nicht schlecht. Als die Welle zurückschwappte und die Tonga-Burschen wieder abhauten, sofern sie nicht auf dem Menuplan standen („Frischer Tonga!“), warf der König von Fidschi die Insel Laucala zur Strafe auf den freien Markt. Somit ist Laucala seit fast 150 Jahren eine Eigentumsinsel, „free hold“ ist der englische Ausdruck.

Die Einwohner mussten absiedeln zu den Nachbarinseln, sofern der neue Eigentümer sie nicht als Arbeitskräfte beschäftigte. Der erste Käufer war Anglo-Australier und ließ Baumwolle pflanzen, später Kokospalmen. 1972 kaufte der legendäre amerikanische Zeitungs-Tycoon Malcolm Forbes die Insel. Er baute neun luxuriöse Hütten als Mini-Resort und errichtete sich am Hügelrücken der Insel, mit Ausblick auf Ost und West, ein wunderbares Anwesen, das er etwa eine Woche pro Jahr bewohnte. Forbes starb 1990, und auf seinem Grabstein steht: WHILE ALIVE HE LIVED.

Seine Söhne ließen die Villa schleifen, sie hatte ihrem Vater gehört und sonst niemandem. Das Kokos-Business geriet weltmarktmäßig ins Minus, die Produktion auf Laucala wurde eingestellt. Die Insel wurde von den Forbes-Erben zum Verkauf angeboten, das kleine Resort geschlossen. Die etwa zweihundert Arbeitskräfte mussten abwandern, nur eine kleine Kerntruppe blieb zur Bewahrung des Nötigsten. Deren Chef war und ist Frank Mitchell, Enkel des ersten Plantagenmanagers auf Laucala.

Auf irgendwelchen Kanälen der Besserverdienenden begab sich im Jahr 2001, was Frank so ausdrückt: „All of a sudden Mister Dietrich turned up.“ Mit „Mateschitz“ tut man sich auf Insulanisch schwer, eher schaffen sie noch „Mateshick“, am besten geht „Bulumakau damudamu“, der rote Bulle. Man kann das lautmalerisch erraten: Bulumakau, da schnaubt der Bulle, und von allen Farben kann damudamu eigentlich nur Rot bedeuten. Soviel zur Einführung in Fidschianisch.

Mateschitz ließ zwei Jahre nichts hören, tauchte 2003 wieder auf und kaufte nun tatsächlich die Insel. Frank musste weitere zweieinhalb Jahre warten, bis Mister Dietrich wiederkam und sagte: „Wir tun was.“

Das bedeutete, dass Mateschitz ein Entwicklungsprogramm hatte, das darüber hinausgehen wird, auf dem heiligmäßigen Forbes’schen Hügel ein persönliches Südsee-Walhalla zu errichten. Walhalla wird sowieso passieren, im unverdächtigen Architektur-Layout des Palmblatt-Musters, durchlässig angeschmiegt an den Höhenzug in seiner Helle und Luftigkeit, mit dem Meer an beiden Seiten. In der Geschichte der Golfrevue war das jetzt der längste Abschnitt, in dem kein Wort über Golf vorkam. Wir sind aber schon beim Aufwärmen.

Neue Zeiten

Man wird Dietrich Mateschitz nicht leichtfertig als Golf-Fan bezeichnen. Das schlank anliegende Design seiner 62 Jahre pflegt er mit Motocross und Tiefschnee-Ski, abgesehen von den täglichen Raffinessen seines Personal Coaches.

Als Mateschitz vor 19 Jahren begann, sein Marketingkonzept für Red Bull umzusetzen, hatte er Eishockey auf dem Programm und auch ansonst nur Bewegungsabläufe, die einer geheimen Todessehnsucht folgen: Extremklettern, Base Jumping, Air Racing, Speed Gliding und alles, was mit Para- anfängt. Erst als das gnadenlose Flavour seines Getränks durch die hellblaue Sugarfree-Variante eine gewisse Altersmilde erkennen ließ, verbreiterte sich auch das Spektrum der anerkannten Sportzweige, bis hin zur gut gemeinten Unterstützung eines Fußballvereins mit immerhin hetziger Doppel-Conference.

Insofern kam auch Golf ins Blickfeld. Erwärmende Zurufe, es doch auch selbst zu probieren, scheiterten an der womöglich, aber wer traut sich das zu sagen, Eitelkeit des Bullen. Der will sich in seinem jetzigen Status einfach keine öffentlichen Patschertheiten antun. Und welcher Sport wäre da hilfreicher? Wie auch immer: Dietrich Mateschitz kapierte, dass zur Erfüllung seiner Vision von der endgültigen Südsee-Insel auch ein Golfplatz gehörte. Er holte sorgsam alle Referenzpunkte ein und erkannte das Unausweichliche: „Ich will den schönsten Golfplatz der Welt bauen.“

Als er auf „Entwicklung“ entschied, hatte Mateschitz ein 300-Seiten-Dossier in Händen, von australischen Universitäten und fidschianischen Instituten, über den Zustand der Korallenbänke und die wichtigsten 150 Fischarten vor Laucala, über die Vegetation der Insel, über bestehende und zu gewinnende Wasserquellen, archäologische Kultstätten, einzigartige Vogelarten und ärgerliche Zuckerrohrkröten, bis hin zu dem Boot, das jeden Morgen die sechs Kinder von Laucala zur Schule auf die Nachbarinsel bringt.

Es ist ein komplexes Dossier aller Nuancen des Paradiesischen bis zum zeitgemäßen Umgang mit längst importierten Problemen und neuen Plänen.

Neue Pläne: Zwei Drittel der Insel bleiben unberührt. Im entwickelten Teil entsteht ein Resort mit knapp 30 Villas, jede in völliger „privacy“, am Strand und dennoch mit jeweils eigenem Swimming Pool. Dahinter die entsprechende Infrastruktur mit Sport, Kulinarik und Exotik. Vier Mann/Frau Personal für jeden Gast, damit das alles funktionieren kann. Als normaler Business Plan ist das nie und nimmer zum Derrechnen, aber das soll Mister Dietrich nicht zur Kümmernis werden.

Die erste Partie des „Developments“, und ab jetzt meinen wir nur noch den Golfplatz, ist gleich mal schief gegangen. Da waren Architekten und Entwickler am Werk, die den Didi Mateschitz nicht verstanden hatten: Dass es einem wie ihm, mit seinem Tycoon-Background, wirklich ernst sein könnte mit seinem Respekt für die Natur. Als Bergfex hat er den ganz selbstverständlich intus. Von einem Tag auf den anderen war die Partie geschasst, und damit schaut es jetzt eher nach Verspätung aus. Dafür scheint es atmosphärisch in die richtige Richtung zu laufen.

Der Zeitplan war: Eröffnung von Resort und Golfplatz zu Weihnachten 2007. Schätzung eines Donauinsel-erfahrenen Experten: Man wird wohl drei, vier Monate draufgeben müssen, soll sein sechs.

Wir klinken uns ein bei Ray und seiner Frau Gail. Ray Turnbull ist Fidschi-Australier und als „landscaper“ (Landschaftsgärtner) eine Autorität. Nach der Misere der ersten Planungsgruppe hat man ihm ein absolutes Vetorecht über jeden Meter der Golfstrecke übertragen. Nach ein paar Stunden im Dschungel kapieren wir eine Art Dreier-Ordnung in seiner Hierarchie.

Erstens: Die originäre und entsprechend kostbare Vegetation der Insel.

Zweitens: Die Auswirkungen von gut einem Jahrhundert Plantagenkultur. Von Baumwolle lässt sich nichts mehr erahnen, dafür prägt die Kokospalme das Bild, mit geschätzten 200.000 Bäumen. Ein Bruchteil steht noch in der geometrischen Plantagenformation, der Rest gedeiht nach Dschungelgesetz. Genutzt wird nichts mehr: Keiner klettert hoch für die frische Milch, keiner nutzt das getrocknete Fruchtfleisch der heruntergefallenen reifen Nuss zur Verarbeitung. Die Kokospalme als frühes Globalisierungsopfer: Öle, Seife, Düfte, Essenzen kommen von anderswo billiger.

Drittens: Unkraut. Die wichtigste Sorte ist nachzuschlagen unter „Merremia peltata“, kurz gesagt wilder Wein. Importiert vielleicht von US-Marines in der Pazifikschlacht des Zweiten Weltkriegs als schnell wachsende natürliche Tarnung. Heute ist es der Todfeind der Insel, etwa ein Sechstel der Fläche ist schon gefährdet: Die Reben überwuchern die Stämme, klettern an ihnen hoch, legen sich über das Dach des Regenwalds, lassen keine Sonne mehr durch, ersticken alle Vegetation und breiten sich als Monokultur aus. Einzige Abhilfe: Jeder einzelne Stock muss abgeschlagen werden, die entwurzelten Kletterer trocknen aus und fallen irgendwann runter. Ray hat dafür eine 10-Mann-Truppe, pro Tag schaffen sie ein paar hundert Quadratmeter. Zwei Jahre, schätzt Ray, könnte der Job dauern.

Dazwischen gibt der Landscaper Stück für Stück Golffläche frei, macht relativ wenig Faxen bei den Palmen, dafür umso mehr bei alten Brotfruchtbäumen, Yum Yum Trees und zwei Dutzend anderer Spezies. Junge Pflanzen auf freigegebener Strecke lässt er ausgraben und in seiner „Nursery“ eintopfen – bis zu 15.000 Stück. Das Grünzeug wird später am Rand der Fairways oder rund um die Resort-Villas wieder eingesetzt.

Die Missionare

Gus Mahoney hat Handicap 15 („weil ich nie zum Spielen komme“) und verkörpert das irisch-australisch-bärenhafte Element in der Inselmannschaft. Er ist Design Consultant in der Firma des David McLay Kidd (www.dmkgolfdesign.com/). Kidd war Architekt der sagenumwobenen Bandon Dunes in Oregon und gilt seither als Lichtfigur für naturnahe Plätze in heikler Landschaft. Jüngster Ritterschlag war der siebente Platz von St. Andrews.

Gus setzt Tag für Tag um, was ihm an Spielraum zwischen Kidds Layout, der Freigabe des Landscapers und dem Geschick seiner Baggerfahrer bleibt. Über Zeitvorgaben macht er sich schon längst keine Sorgen mehr: Wenn der falsche Baum (der Landscaper sagt: der richtige) im Weg steht, mag das drei Tage kosten, und von der Regenzeit will er gar nicht reden.

Dafür, sagt er, hat er einen Heidenrespekt vor den Überraschungen der Insel bekommen, und es sei mit keinem anderen Job zu vergleichen, den er bisher gemacht hat. Par 72, soviel ist klar, aber schon die Länge von 6438 Meter hört sich reichlich theoretisch an. Das Design führt über den zentralen Hügelrücken an die Ostküste, sieht vier Löcher an der Küste vor und swingt wieder landeinwärts – mit einem Minimum an Erdbewegungen, sagen Gus und das Konzept. Der Thrill des Kurses werde sich aus dieser Unmittelbarkeit im Umgang mit Meer und Dschungel und Felsen und Wetlands ergeben. Bislang sind nur zwei Löcher weitgehend gerodet, an allen anderen passiert noch das Feintuning zwischen Design und Landscaping.

Schockschwerenot. Gestern Nacht ist einer von Franks Arbeitern dem Zwerg begegnet. Da ist Feuer am Dach. Keiner macht Scherze mit dem Zwerg. Zwerg ist Unheil. Frank sagt, wir müssen schleunigst eine Reise zum Tui machen, dem Häuptling (eigentlich: König) von Laucala. Die Insel mag seit anderthalb Jahrhunderten im Eigentum von Weißen sein, ohne Wohnrecht des alten Stammes, aber einen „Tui Laucala“, ein spirituelles Oberhaupt, hat es immer gegeben, auf einer der benachbarten Inseln und allemal in Kontakt mit Laucala. Wenn die Arbeiter auf Laucala nicht den Segen ihres Tui haben, passieren ihnen laufend Missgeschicke, im Job und daheim, und irgendwann begegnet einer dem Zwerg.

Gerrard, der Construction Manager, beraten von Frank, wählt zwei Bootsbesatzungen aus, um dem Tui den Shevu-Shevu zu bringen und mit ihm Kava zu trinken. Die flotten Motorboote brauchen 20 Minuten zum Dorf des Tui auf der anderen Insel. Gemauerte Hütten, die des Tui ist fast schon ein Bungalow. Was immer dir an Quatsch in Richtung Zwerg und Aberglaube und sonstwas einfallen wollte, es wird weggefegt von der Selbstverständlichkeit einer Würde, die du nicht hinterfragen musst, die IST einfach, und die Wirkung auf die Besucher so, wie sich unsereins das von einer Hierarchie im Südseeparadies vorstellt, so herzlich, so offen. Man kann das nicht zerreden, aber ich weiß, dass es höchste Zeit war, den Tui zu besuchen und mit ihm Kava zu trinken.

Der Tui freut sich über die vielen Arbeitsplätze, die für die Bewohner der benachbarten Inseln entstehen werden (allein ein Dorf von 250 ständig Wohnenden auf Laucala, plus Pendler), er freut sich auf den Antrittsbesuch des Mister Dietrich, er hat uns nach vielen Schalen Kava, im alten Zeremoniell, in Frieden entlassen, keiner braucht mehr Angst vor dem Zwerg zu haben, und so sind wir ganz glücklich heimgeschippert auf die Insel mit dem Golfplatz under construction.

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