Wie der Kaiser von China [0]

MISSION HILLS 2006 – Mit einer Droschke würde man zirka fünf Stunden für die Reise von Hong Kong nach Shenzhen ins Mission Hills-Golfresort benötigen.

Mit dem Bus brauchen wir in etwa gleich lang. Das liegt daran, dass wir etliche Stunden wegen eines Visum-Problems an der Grenze zwischen Hong Kong und China bzw. der Freihandelszone Shenzhen ausharren müssen.

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„No Photos. No Phone Calls.“ lautet die einfache Message oberhalb der zahllosen Grenzschalter. Der Rest ist chinesisch und bedeutet wohl: Geduld! Es kann dauern, es wird dauern… aber letztendlich passiert was. Um die Wartezeit zu verkürzen, ein kleiner Tipp: Schreiben Sie in das Visum-Feld „Name“ genau das, was und wie es im Reisepass steht. Für einen chinesischen Grenzbeamten ist ein nicht angeführter Titel ein völlig anderes Schriftzeichen, ergo eine andere Person, ergo: Warten! Die Sache mit dem Visum löst sich letztendlich in Wohlgefallen auf, wir steigen in den Bus und erreichen nach 90 Minuten Mission Hills. Der Begriff „Ankommen“ gewinnt dabei eine neue Bedeutung, denn richtig „da“ ist man hier nie.

So unfassbar sind die Dimensionen: 26 Quadratkilometer – das sind 2.600 Hektar oder etwa 3.500 Fußballplätze – misst das gesamte Areal, welches neben zehn Golfplätzen einiges an Infrastruktur beheimatet: Ein Clubhaus mit über 30.000 Quadratmeter Nutzfläche, mit einem dreistöckigen Proshop, mehreren Restaurants, Konferenzräumen und umfassendem Wellness-Bereich mit Sauna und allen erdenklichen Körperbehandlungen. Ein zweites Clubhaus wird im Herbst 2006 in Dongguan (östlicher Teil von Mission Hills) eröffnet und soll auf über 50.000 Quadratmetern auch einen Ballsaal für 3.000 Personen beherbergen. Weiters stehen drei imposante Driving-Range- und Übungs-Anlagen, ein Hotel mit 315 Zimmern sowie das Spa „La Quinta“ zur Verfügung. Und wer sich nach Golf, Essen und Relaxen noch verausgaben möchte, kann sich im Mission Hills Country Club auf einem der 51 Flutlicht-Tennis-Plätze austoben. Sollten Sie vorhaben, länger in Mission Hills zu verweilen, ist die Überlegung angebracht, eines von 120 angebotenen Appartements zu kaufen – oder warum nicht gleich ein ganzes Haus? 1,5 Millionen US $ legt man dafür hin (unmöbliert natürlich). 50 Häuser sind bereits bezogen, 30 weitere sind verkauft und werden gerade gebaut.

Aber keine Sorge wegen der Optik: Es soll nicht mehr als ein Prozent des Gesamtareals mit Häusern verbaut werden, versichert man uns. Und weil gerade von Geld die Rede ist: Wer Einlass in den Mission Hills GC begehrt, darf für eine Gold-Membership zirka 70.000 $ hinblättern und dafür fünf der zehn Plätze spielen. Diamond-Members können um geschmeidige 100.000 $ alle Hügel des Golfclubs besteigen. Die monatlichen 180 $ „Administration Fee“ sind für die zirka 4.000 Clubmitglieder vermutlich nicht erwähnenswert.

Wer von Zahlen noch nicht genug hat, dem geben wir als Stärkung vor den sehnsüchtig erwarteten zehn Golfrunden noch die Gesamt-Investitionssumme mit auf die Fairways: 400.000.000 (sprich: 400 Millionen) $! Und der Vollständigkeit halber sei noch jener Mann erwähnt, dem das alles gehört: Dr. David Chu, J.P., ein Hong-Kong-Entrepreneur, der in Sachen Wellpappe im Wirtschaftsaufschwung der 80er-Jahre das große Geld machte, dass er zu Golf machte, um damit wieder Geld zu machen: Denn jeden Tag gehen von September bis Mai (Juni bis August ist Regenzeit) im Sieben-Minuten-Takt 1.500 bis 3.000 Golfer über die 180 Loch. Doch angesichts der Weitläufigkeit des Areals (und wohl auch darauf zurückzuführen, dass man kaum aus dem Staunen raus kommt) werden die Massen von den Hügeln aufgemischt – daher der Name? –, ohne dass man sich auf die Zehen steigt. Auf jeden Fall kann man sich hier im sprichwörtlichen Sinn wie ein „Kaiser in China“ fühlen. Ungeachtet der Tatsache, dass es in China (wie wir spätestens von Bertoluccis Filmklassiker „Der letzte Kaiser“ wissen) seit 1950 keinen Kaiser mehr gibt.

Nach so viel Information wird es aber Zeit für die zehn Golfkurse, die in gewisser Weise das Wesen ihrer Namensgeber spiegeln: Der Leadbetter Course (max. 6.962 Yards) gibt sich freundlich, um vor allem Anfänger zu ermutigen, und der Annika Course mit seiner ausgewogenen Aufteilung von Par 3, Par 4 und Par 5-Bahnen (jeweils drei auf den vorderen und hinteren neun Loch) spielt sich mit maximal 6.073 Yards zwar am kürzesten, aber das eher enge Design verlangt ein Höchstmaß an Präzision und lässt unbedachte Draufhauer schnell verzweifeln. Ein offensichtliches Zugeständnis an die weiblichen Golfer.


Signature Courses

Der Vijay Course (max. 7.006 Yards) zeichnet sich durch seine scharf gezeichneten, von unzähligen Wasserhindernissen und langen Sandbunker-Banken gesäumten Bahnen aus, die öfters in Grüns mit zwei bis drei Plateaus münden. Der Els Course (max. 7.049 Yards) besticht auf den vorderen neun durch seine atemberaubende Kursführung und Kulisse mit dramatischer Bergauf-Bergab-Szenerie. Die zweiten neun Loch mäandern durch ein verzwicktes Flussbecken, wo man sich öfters nasse Füße holt. Diese neun Loch kann man auch als Savannah Night Course im Flutlicht erleben.

altDer Stadium Course von Nick Faldo (max. 7.031 Yards) ist eine Ausgeburt an artifiziellem Golfplatz-Design inmitten einer traumhaften Naturkulisse. Kein Hindernis – und deren gibt es viele, nicht nur generell, sondern bei jedem einzelnen Loch – scheint dem Zufall überlassen zu sein. Man erwischt sich öfters darüber staunend, das selbst bei ausgeklügeltem Course-Management immer ein mittleres Risiko übrig bleibt. Unüberseh- und -schaubare Bunker, geschmeidige Wasserkonturen und die einprägsamsten letzten-3-Löcher mit einem der berühmtesten Inselgrüns der Welt (Loch 16) zeigen des Golfers Grenzen(losigkeit) auf. Der Duval Course (max. 7.000 Yards) gibt sich traditionell mit weiten, von Wald gesäumten Grasflächen, die fast ein wenig historisch zurücknehmend anmuten. Auch wenn sich das Doppel-D seiner Initialen in zahlreichen doppelten Doglegs wiederfindet, sind die Bahnen der milde Ableger der anderen Kurse in Mission Hills und somit für alle Golfer eine angenehme Herausforderung.

Über 160 Bunker geben dem Olazabal Course eine gewisse Mond-ähnliche Golf-Erscheinung – in seiner strahlendsten Art wohl gemerkt. Der mit 7.356 Yards auch längste Kurs von Mission Hills verlangt neben Präzision auf seinen durch gemächliche Hügel führenden Bahnen auch einiges an Länge ab, will man die Mondlandung halbwegs bestehen. Dafür hat man – ausgenommen auf der 18! – mit sehr wenig Wasser zu kämpfen. Jumbo Ozaki, Japans hervorstechender Golfer, zeichnet für den Ozaki Course (max. 7.014 Yards) verantwortlich, welcher vielerorts durch packende, dichte Waldschluchten führt. Die – so heißt es – der Zen-Lehre nach empfundenen, dahin fließenden Bunker- und Wasser-Landschaften erfüllen ihre beruhigend gemeinten Energieströme nicht unbedingt, aber landschaftlich regt der Kurs die Augen und das Gemüt eher an, als das er beruhigt. Die vorderen neun Loch sind mit Flutlicht auch als zweiter Night Course bespielbar.

Der Norman Course (max. 7.172 Yards) beansprucht für sich nicht weniger, als schlicht der schwierigste Golfkurs Asiens zu sein. Opulente und tiefe Bunker sowie viel Wald lassen es uns sehr eng vor Augen werden. Mit dem World Cup Course (7.104 Yards) von Jack Nicklaus begann 1994 das Unternehmen „Mission Hills“. Hier wurde 1995 der 41. Golf World Cup ausgetragen, weshalb uns auf diesem Kurs neben dem landschaftlichen, vor allem das historische Gewicht erschlägt – im positivsten Sinn natürlich. Dieser Kurs ist für Nicht-Mitglieder normalerweise nicht bespielbar. Danke für die generöse Ausnahme – wenn das der Kaiser wüsst’!

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