South Carolina [0]

Das Paradies gibt’s nur auf Zeit

Was Eva der Apfel ist uns Golfern Myrtle Beach! Die (un-)heimliche Golfhauptstadt der USA ­verführt mit 120 Golfplätzen, verteilt auf 70 Kilometer, und jeder Menge Attraktionen abseits der Fairways. Auch Gerald Hajos ist der Versuchung erlegen.

Gleich hinter dem „Grand Strand“ von Myrtle Beach liegt das Paradies. Blasphemie? Nur, wenn Sie nicht Golf spielen. Für all jene, die diesem Hobby aber frönen, genügt eine einfache Gleichung mit zwei Bekannten, um den Garten Eden zu errechnen: 120 Golfplätze innerhalb einer Autostunde! ­Alles klar?
Allzu kritische Geister, die sich von Nebensächlichkeiten ablenken lassen, monieren Hotelwüsten Marke „Caorle & Jesolo“. Oder dass im Sommer die Familien-Badeurlauber wie Heuschrecken über Myrtle Beach herfallen. Wir Golfer be­siedeln die Gegend aber ohnedies lieber im Herbst oder im Frühling, und die ­Hotels dienen als durchaus komfortable Schlafbäume zwischen den Runden. Was kümmern uns da Äußerlichkeiten?


Die Qual der Wahl

Trotzdem gilt es im Vorfeld zu sondieren: Logiert man im ­Familienhotel am Strand oder lieber im Hotel, vielleicht gar einer Villa, in einem Golfresort? Ersteres erweist sich als die brieftaschenschonendste Variante, und so genieße ich für rund 70 Dollar in der höchsten Kategorie („Oceanfront“) den herrlichen Meerblick. Umfangreicher und schwieriger gestaltet sich in der Folge das Aussortieren von 120 Golfplätzen auf eine vernünftige Abfolge für die wenigen Tage meines Besuchs. Abgesehen von Empfehlungen und diversen Hitlisten hat auch das Aufarbeiten dieses Themas über die Greenfeepreise seinen Reiz: Die billigsten Plätze (für die man allerdings nicht unbedingt über den Atlantik jetten muss) ­starten bereits bei umgerechnet 25 Euro. Die gute Mittelklasse bewegt sich zwischen 40 und 80 Euro, das Greenfee für Topkurse schlägt mit 80 bis etwa 140 Euro zu Buche.
Ein Tipp für Sparefrohs: das Sunset-Greenfee, das (fast) überall in den USA angeboten wird und noch eine satte ­Ersparnis mit sich bringt. In all diesen Preisen sind übrigens fast ausnahmslos die Benützung eines Golfcarts, unlimitierte Rangebälle und die auf amerikanischen Golfplätzen typischen Dienstleistungen wie Aus- und Einladen des Golfbags ins Auto samt Schlägerreinigung nach der Runde inkludiert.
Bei den Clubs im ­oberen Greenfeebereich kommen auch noch ­Extras wie eine Kühlbox mit Eiswürfeln, ­Gratis-Wasserflaschen sowie Handtücher im Cart dazu. Die Qualität der Umkleide- und Sanitärbereiche in den Clubhäusern und auch der Restaurants und Proshops steht natürlich in ­direktem Zusammenhang mit den Greenfeepreisen, wobei die Spitzenclubs mit ziemlich beeindruckenden Ausstattungen aufwarten.


Best of Myrtle Beach

Der (zumeist) beste Weg, die Brücke zwischen Theorie (120 Plätze) und Praxis (im Idealfall 12) zu schlagen, ist jener der Insidertipps: So arbeite ich, bestückt mit Informationen von hervorragend beleumundeten Golf­experten, zuerst TPC, Long Bay, Myrtle Beach National / Kings North, Caledonia und das Barefoot Resort ab. Fazit: allesamt Leckerbissen, ganz ohne Sodbrennen. Myrtle Beach National etwa ist einer der ältesten Clubs der Region mit drei 18-Loch-Plätzen. Signature-Course ist der 1973 von Arnold Palmer erbaute „King’s North“, ein altehrwürdiger Parklandkurs mit spektakulären Spielbahnen, wie zum Beispiel Loch 6, „The Gambler“: Das Par 5 lässt sich – eine Portion Mut und einen geraden Drive vorausgesetzt – via Inselfairway zu einem Par 4 verkürzen. Bei meinem ­dritten Versuch hat’s endlich ­geklappt. ­Immerhin. Das Wasser auf Loch 12 (Inselgrün-Par-3) treff ich zwar nicht auf Anhieb, wohl aber den linken Grünbunker, der als großes S (für South) ­meinen Ball empfängt. Der rechte Grünbunker, ein C (für Carolina), bleibt mit erspart. Vom Wasser in die Wüste geht’s dann auf Loch 18, „Bulls-Eye“: 40 Bunker machen sich am Weg vom Tee bis zum Grün breit, fehlen bloß die Kamele für die perfekte Fata Morgana.
Die Qual der Wahl nimmt kein Ende, und es folgt das Barefoot Golf Resort ­zwischen Myrtle Beach und North Myrtle Beach – ein Streich-Quartett: Greg ­Norman, Davis Love III, Tom Fazio und Pete Dye haben hier feinste 72 Loch (vier prächtige Kurse) verlegt, mir fehlt der Mut, drei zu streichen, ich muss das aber mangels Zeit. Trost finde ich nebenan in Barefoot Landing, eine Ansammlung zahlreicher Restaurants und Shops.
Weitere Listenplätze (für jene, die mich nach meiner Meinung fragen) erhalten The Legends (drei Kurse), Wicked Stick, The Dunes, Arcadian Shores, The Witch, The Wizard, True Blue, Leopard’s Chase, Pawley’s Plantation und die nach schottischem Vorbild erbauten (und auch benannten) Glen Dornoch und Heather Glen.
Spaßig ist auch der World Tour Golf Links, ein 27-Loch-Platz, mit Nachbauten berühmter Golflöcher. So kann man zum Beispiel auf den neun Löchern des „Championship Course“ unter anderem den Amen Corner (Loch 11 bis 13) von Augusta National, auf dem „Open Kurs“ die 1 und 18 des Old Course St. Andrews ­(inklusive Swilken-Bridge) oder das 17er-Inselgrün von TPC Sawgrass und auf dem „International Course“ Spielbahnen aus Valderrama, Doral oder Baltusrol sozusagen ­naturgetreu nachspielen.


Der Freizeit-Wahnsinn

Vor oder nach der Runde bleibt Zeit, das Paradies zu ­verlassen und sich den profanen Dingen des Lebens zu widmen. Und davon hat Myrtle Beach nicht zu knapp. Auf den Punkt gebracht, ist das Freizeitangebot schlicht allumfassend. Egal ob zu Wasser (vom Jetskifahren bis zum Hochsee­fischen) oder zu Land (von Freizeitparks wie dem Hard Rock Park bis zu un­be­grenzten Einkaufsmöglichkeiten) – alles lässt sich mit einer frühen oder späten Teetime ideal verbinden. Aber Vorsicht: Kein Paradies ohne zuckersüße Versuchungen. Und so finden sich gleich vier der weltgrößten Golf Super Stores (je zweimal Martin’s und Golfdimensions mit je 3.000 Quadratmeter Verkaufsfläche) sowie zwei ­Megastores, die nur Golfschuhe und ­Zubehör im Angebot haben (Golf Shoes Centers Of America), genau hier! Wer auch abseits der Grüns nicht ohne Golfschläger auskommt, dem sei eine Runde Minigolf ans Herz gelegt – und ­ziehen Sie jetzt kein Schnoferl: Die An­lagen sind durchwegs auf Disney World getrimmt und haben so gar nichts mit den unspaßigen Betonbahnen bei uns zu tun.

Bei all diesen Anstrengungen darf auch das leibliche Wohl nicht zu kurz kommen, und auch hier entpuppt sich Myrtle Beach als Paradies. Im Gegensatz zu den weit verbreiteten kulinarischen Wüsten in den USA serviert man hier ein delikat-vielfäl­tiges Angebot: Von den gern genommenen Steak- und Seafood-Lokalen bis hin zu internationaler Küche jeglicher Konvenienz wird alles geboten. Und das zu durchwegs moderaten Preisen, Dollarkurs sei Dank. Der echte Golf-Junkie schmaust selbst­redend in Greg Norman’s Australian Grill, einem feinen Restaurant des Golf­superstars mit herrlichem Surf & Turf, australischen Spezialitäten und edlen ­Weinen. Je nach Wetter, das sich zumeist von ­seiner besten Seite zeigt, tafelt man ­entweder auf der Terrasse mit Blick über die Marina von Barefoot Landing oder drinnen in rustikalem Stil samt Kamin. Und wer noch immer nicht genug hat, deckt sich im hauseigenen Shop des ­großen weißen Hais mit Souvenirs ein.
Im letzten Moment kratzen wir noch die Kurve und verabschieden uns für zumindest einen Abend ganz von Golf: Im „House Of Blues“, wo täglich Live­musik geboten wird, lassen sich sämtliche Erinnerungen der letzten Tage ungestört reminiszieren. Und am Ende s(ch)wingt eine Spur Wehmut mit: Das Paradies gibt’s nur auf Zeit.


Golf in Myrtle Beach

Das in den USA beliebte Urlaubsziel liegt an dem fast 100 Kilometer langen „Grand Strand“, gleichzeitig das Wahr­zeichen für das ganze Gebiet. Myrtle Beach samt Umgebung rühmt sich, die Golfmetro-pole weltweit zu sein. Durch ganzjährig milde Temperaturen ist Golfspielen nahe­zu immer möglich. Im Umkreis von einer Autostunde (70 Kilometer) gibt es hier rund 120 Golfplätze, somit die höchste Golfplatzdichte Amerikas. Um Ihnen die Auswahl etwas zu erleichtern, empfehlen wir, folgende Plätze nicht auszulassen:

Legends Resort – TPC Myrtle Beach Course
Tom-Fazio-Design, 18 Loch, Par 72, 4.680–6.035 Meter,
www.tpcmyrtlebeach.com

Long Bay GC
Jack-Nicklaus-Design (1989),
18 Loch, Par 72, 5.119–6.003 Meter,
www.longbayresort.com

Myrtle Beach National – Kings North
Arnold-Palmer-Design (1973),
Par 72, 4.404–5.880 Meter,
www.mbn.com/courses/kings-north

Caledonia Golf and Fish Club
Mike-Strantz-Design (1994),
Par 70, 4.533–5.597 Meter,
www.fishclub.com/caledonia

Barefoot Resort – Norman Course
Greg-Norman-Design (2000),
Par 72, 4.529–5.932 Meter,
www.barefootgolf.com

World Tour Golf Links – Championship Course
(1999), Par 72, 4.690–5.827 Meter,
www.worldtourmb.com

Nützliche Links:
www.myrtlebeach.com
www.myrtlebeachgolf.com
www.mbn.com

Alles über Gerald Hajos‘ South Carolina-Reise druch Hilton Head Island und Kiawah Island lesen Sie hier.

Ähnliche Artikel aus dem Archiv

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar