Arizona [0]

Wo Wüsten vegetieren

(aus GR 7/2007)

Dünen im Grünen: Golf in Arizona heißt nicht automatisch Golf in der Wüste, wie Erich Weiss bei kuscheligen 25 Grad (im Dezember!) feststellen durfte. Am Speiseplan: Scottsdale, als Amuse Gueule: 16 Stunden Flug.

200 Golfkurse in der Region, 70 Hotels und Resorts, 50 Nachtclubs und Bars und mehr als 600 Restaurants verspricht die Werbebroschüre, die ich auf dem Flug in den Wilden Westen schon ein wenig ermüdet durchblättere.

Schließlich dauert ein kontinentales Airporthopping von Wien-Schwechat via Chicago nach Phoenix mit allem Drum und Dran knapp 16 Stunden. Da spürt man auf den letzten Flugstunden, zwischen Junkfood kauenden Sitznachbarn eingepfercht, den Jetlag in die müden Knochen kriechen. Aber die Vorfreude auf ein Golf-Eldorado mit den originellsten und besten Designs der Welt mitten in der Wüste, mit seinen typischen Fels- und Kakteenformationen, hält mich munter, während meine zwei Nachbarn längst eingenickt sind. Zeit, in Ruhe weiter im Prospekt zu blättern: 330 Sonnentage im Jahr, 25 bis 28 Grad im Dezember stimmen fröhlich, dazu der aktuell günstige Dollarkurs – da muss man als Golfer hin.
Bitter allerdings, dass sich einer der seltenen Regentage just bei meiner Ankunft ankündigt, und zwar als klassisches Pazifik-Tief. Für Arizona bedeutet das geschätzte 24 Stunden Dauerregen, für die nördlichen Landesteile: Blizzard-Alarm!

Zuerst der Regen

Die, teils skurrilen, Folgen: Überschwemmte Straßen und – mitten in der Wüste – überflutete Golfplätze. Somit endet auch die erste Runde schon nach neun Loch, weil in der Umgebung, auf der eigenen Bekleidung und auch sonst nirgendwo mehr ein trockenes Fleckchen zu entdecken ist. Von einheimischer Seite versichert man mir glaubhaft, dass das seit vielen Jahren der katastrophalste Niederschlag zu dieser Jahreszeit sei, und man sich über das Wasser freue, auf dass die Wüste ergrüne.
Grüne Wüste? Wüste heißt doch Sand, Stein, Karst, Trockenheit, Oase, was weiß ich sonst noch… aber Regen und Grün? Weit gefehlt. Die Sonora-Wüste Arizonas ist eine Gegend voller Vegetation, mit vielen blühenden und stechenden (natürlich), teils winzigen aber meist riesigen Kakteen und ähnlichem Krautwerk. Und ausgerechnet in dieser doch eher unwirtlichen Gegend befinden sich in einem Umkreis von wenigen Kilometern Golfplätze, deren Namen jedem Fairway-Gourmet butterweich auf der Zunge zergehen: The Boulders, Troon North, The Phoenician, Grayhawk, Legend Trail, natürlich TPC Scottsdale und, und, und…


100 Jahre Golf.

Das war natürlich nicht immer so. Golf begann in Arizona eigentlich spät, so ziemlich genau vor 100 Jahren. Damals errichteten ein paar Pioniere einen Neun-Loch-Platz, befestigten die Fairways aus Sand und Stein mit Öl und bauten die „Grüns“ aus ausgerollten, gepressten und ebenfalls mit Öl und Teer verfestigten Baumwollplanen. Praktischerweise lag der Kurs in der Nähe eines Kanals. So wurden am Montag die Fairways geflutet, am Dienstag ließ man alles trocknen und ab Mittwoch konnten Arizonas Golfaltvorderen ihrem Hobby nachgehen. Das mit dem Fluten scheint also keine schlechte Idee gewesen zu sein, denn am dritten Tag meines Aufenthalts war dann alles so, wie man sich’s eben vorstellt (und die Broschüre im Flieger versprochen hatte): Blitzblauer Himmel, 25 Grad und die Golfplätze erfrischend grün (tatsächlich!). Allerdings nur dort, wo es eben grün sein soll und das heißt in Arizona: Tee, Fairway und Grün – dazwischen gibt’s nix. Außer natürlich Kakteen, Geröll und Lebewesen, denen man nicht so gerne begegnet: Schlangen und Skorpione!

Zwar beruhigt mich einer der vielen dienstbaren Geister, die einem hier das Golfspielen erleichtern, dass es bereits drei Jahre her sei, dass jemand von einer Schlage gebissen worden wäre. Er hätte aber Glück gehabt, das liebe Vieh hätte einen „trockenen“ Biss ohne Giftspritzer verabreicht und so sei nichts passiert. Und im Winter verkröche sich das Getier ohnehin ins Erdreich.
Wer sich mit seinen Schlägen auf diesen typischen „Target Golf Courses“ verirrt, landet aber unweigerlich in diesem Reich des Bösen. Jetzt gibt’s zwei Optionen: Mutig den Ball zu suchen und ihn auch zu spielen, denn meist liegt er erstaunlicherweise gar nicht so schlecht, oder man nimmt die sogenannte „desert rule“ in Anspruch. Die gilt automatisch in ganz Arizona und behandelt alle Desert Areas als seitliches Wasserhindernis. Man droppt also im sicheren grünen Bereich und spielt brav weiter (der übliche Strafschlag gilt natürlich auch hier).
Da sich das widerliche Getier aber angeblich im Winterschlaf befindet, verzichte ich mutig auf diese „Par-3-Vorleger-Regel“. Außerdem habe ich mein altes, ohnehin schon zerkratztes Sandwege mit. Das ist einerseits für Notfälle aller Art dienlich, andererseits hält sich der Frust über zerkratzes Material – die Steine! – in Grenzen.
Denn wie überall auf der Welt, gilt auch in Arizona die gute alte Weisheit: Keep it on the short grass.


Der Tiger meidet die Wüste.

Seit den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts schossen diese für Arizona so typischen Target Courses wie Schwammerln aus dem kargen Boden und die bekanntesten der Golfplatzdesigner haben sich hier verwirklicht: Jack Nicklaus, Tom Fazio, Robert Trent Jones, Pete Dye, Tom Weiskopf, Arnold Palmer, um nur die prominentesten zu nennen. Die bauliche Begrenzung der begrünten Flächen ist wohl nicht ganz freiwillig, besagen doch die strengen Wassergesetze des Wüstenstaates, dass für einen Golfkurs nur 90 acres (circa 36 Hektar) künstlich bewässerte Flächen vorgesehen werden dürfen – schließlich regnet es ja kaum in Arizona, was ja schon hinlänglich erklärt wurde.
All diese Einschränkungen können für einen Kurs allerdings nicht gelten: Dem Tournament Player Course Scottsdale, kurz TPC Scottsdale. Dieser an infrastruktureller Großzügigkeit kaum zu übertreffende Platz ist alljährlich Ende Jänner/Anfang Februar Schauplatz der Phoenix Open (seit fünf Jahren nach dem Sponsor FBR – einer US-Investmentbankinggruppe – benannt). Das Turnier ist das fünftälteste der US PGA-Tour und lockt jedes Jahr unglaubliche Zuschauermassen an. Heuer fand der Tourklassiker noch dazu am selben Wochenende statt, an dem in Phoenix die Super Bowl (das Endspiel der American Football Liga NFL, für Amerika das sportliche Highlight des Jahres!) über die Bühne geht und sich damit noch mehr als sonst zu einem wahren Tollhaus entwickelt. Auf dem als „Stadium Course“ konzipierten Kurs finden mehr als 100.000 Zuschauer pro Tag (!) Platz und die Tribünen auf den letzten vier Löchern erinnern eher an ein Fußballstadion als an einen Golfplatz. Und dementsprechend ist auch die Stimmung – vor allem auf dem 16. Loch, einem eigentlich eher unscheinbaren Par 3, um das im V-Stil zwei riesige, stets randvolle Tribünen stehen. Mit großem Hallo und Tamtam werden dort die Spieler, die durch einen tunnelähnlichen Gang vom 15. Grün herüber dieses Amphitheater betreten, begrüßt. Und wehe dem, der das Grün verfehlt – ein Orkan der Buhs schwappt über den Unglückseligen, egal, um welche millionenschwere Golf¬größe es sich auch handeln mag. Mancher soll schon mit dem Inhalt der Bierbecher der teils nicht ganz nüchternen „Fans“ Bekanntschaft gemacht haben. Doch die PGA-Stars lieben diese einzigartige, auf keinem anderen Turnier vorstellbare Atmosphäre – mit einer prominenten Ausnahme: Tiger Woods! Dem Weltranglistenersten ist gerade der Rummel, die fehlende Distanz zum Publikum und umgekehrt ein Ärgernis, weshalb er seit einigen Jahren nicht mehr mit spielt. Dabei hat gerade er 1997 auf dem 16. Loch ein Hole-in-One erzielt und zwei Jahre darauf für eine weitere legendäre Episode gesorgt: Als er einen seiner Drives knapp an einem riesigen Felsblock platzierte, forderte er (nach Rücksprache mit den Referees) kurz entschlossen mehrere Zuschauer auf, den Stein wegzustemmen. Gesagt, getan. Mit vereinten Kräften schoben mehrere Helfer den Brocken weg: Tiger konnte problemlos schwingen und weiter spielen. (Allerdings führte gerade dieser Zwischenfall zu einer Regeländerung, wonach auf der Tour bei solchen und ähnlichen Ereignissen nur noch der Spieler und sein Caddie und keine weiteren „Hilfskräfte“ ein solches Hemmnis entfernen dürfen.) Den Felsblock gibt’s immer noch, mit einer Messingtafel an diese Gegebenheit erinnernd und mittlerweile treffend „Tiger’s rock“ genannt. Also eigentlich keine schlechten Erinnerungen für den Tiger. Allerdings: Gewonnen hat er dieses Turnier nie, und das wird er wohl auch nie mehr, wenn er in Zukunft bei seiner Boykottentscheidung bleibt. Übrigens, ein gewisser Bob Goldwater begründete 1932 die Phoenix Open. Den Namen hat man doch schon einmal irgendwo gehört, oder? Sein Bruder, Senator Barry Goldwater, ein ultrakonservativer Republikaner, unterlag im Präsidentschaftswahlkampf 1964 dem Demokraten Lyndon B. Johnson, der ja als Vizepräsident nach der Ermordung von John F. Kennedy in das Amt gekommen war. Den Namen Ralph Guldahl hingegen muss man selbst als Golffreak nicht unbedingt schon einmal vernommen haben: Er gewann die erste Phoenix Open und kassierte 600 Dollar Siegesprämie. Im Vorjahr gab es für den Sieger, den Australier Aaron Baddeley, erstmals mehr als eine Million Dollar!


Apropos Dollar. 

Dass ein Golfaufenthalt in den USA in Zeiten des seit längerem auf hohem Niveau befindlichen Eurokurses für unsereins geradezu ein Schnäppchen wäre, erweist sich jedoch als Schimäre. Zwar mindert das permanent günstige Kursverhältnis des Euros zum Dollar das Ausgabenbudget spürbar, aber das Preisniveau ist im amerikanischen Westen in himmelhohen Sphären angesiedelt. Greenfeepreise jenseits der 200 Dollar-Marke, ein Frühstückskaffee oder ein Bier nach der Runde kaum unter fünf Dollar oder ein Zimmer in einem besseren Hotel nicht unter 300 Dollar sind keine Seltenheit. Soll es ein Refugium in einer nobleren Herberge, wie etwa dem „Fairmont Princess“ sein, muss man schon sehr tief in die Tasche greifen. Und die Preise für einen Langstreckenflug sind mit Kerosinaufschlägen und Sondergebühren für Golfbags auch nicht gerade die billigsten. Aber was soll’s, man gönnt sich ja sonst nichts, oder? Daher kann ich unein¬geschränkt die Empfehlung aussprechen: Wen diese Destination reizt, der soll nicht zögern. Go west!

Wem Golf in einer Ausformung wie hier allerdings zuwenig für einen perfekten(Winter-)Urlaub ist, dem hat Phoenix/Scottsdale nicht allzu viel zu bieten – auch wenn mein längst ausgelesener Prospekt von hunderten Designer Shops, Fun Parks und ähnlichem Freizeitangebot spricht. Mit einer Ausnahme: Arizona ist die Weltmetropole der Ballonfahrer. Ein Flug im Hängekorb in schwindelnder Höhe über die Wüste Arizonas ist ein einzigartiges Erlebnis, auch wenn einen doch ein recht mulmiges Gefühl beschleicht, je höher der Heißluftballon klettert. Jedenfalls war ich trotz aller Ergriffenheit über das ruhige Schweben über dem Horizont doch recht froh, nach bestandener Fahrt wieder festen (Wüsten-)boden unter meinen Füßen zu spüren. Wirkliche und in aller Welt berühmte Attraktionen sind allerdings nicht allzu weit entfernt. Man nehme sich daher ein paar Tage Golf-Auszeit und breche zum Colorado River auf, um dort das weltberühmte Naturdenkmal des Grand Canyon zu bestaunen. Und wer es lauter haben will: Die Glitzer- und Vergnügungsmetropole Las Vegas mit seinen Casinos und Shows ist nur eine knappe Flugstunde entfernt. Und dort, in der Wüste Nevadas, regnet es angeblich wirklich nie!


Reiseinformationen    

Golf rund um Scottsdale

Das bekannteste Hotel/Resort in Scottsdale (praktisch die Zwillingsstadt von Phoenix) ist das „The Phoenician“ (www.thephoenician.com), ein Haus der gehobenen ¬Luxusklasse mit erstklassigem Wellness- und Gartenbereich. Der große Pool liegt direkt am Abschlag des fünften Lochs des TPC. Beinahe königlich logiert man – auch am TPC Course gelegen – im Fairmont Scottsdale Princess (www.fairmont.com/scottsdale), das einen der besten Spas beherbergt. Die Preise variieren je nach Saison von angemessenem Kalkül bis in schwindlige Höhen von mehreren hundert Dollar pro Person und Nacht.
Eines der besten neuen Hotels ist das vom äußeren Eindruck eher schlicht wirkende „Westin Kierland Resort“ (www.kierlandresort.com), dem ein 27-Loch Platz angeschlossen ist. Im Innenbereich entwickelt das Haus einen attraktiven Mix aus Business- und Urlaubshotel mit teils phantastischen Blicken auf die Golfanlage und die Skyline von Scottsdale.
Gleich neben einer der neuesten Supergolfanlagen, We-Ko-Pa, liegt das „Radisson FortMcDowell Resort und Casino“ (www.radisson.com), das mit hervorragender internationaler Küche punktet.
Etwa 25 Kilometer südlich von Scottsdale liegt das „Wild Horse Pass Resort“ (www.wildhorsepassresort.com), das vom Design die Architektur der indianischen Urbevölkerung nachempfindet. Angeschlossen eine nicht unattraktive 27 Loch-Anlage und eine Art „Wildwest-Wurstelprater“ mit einem bahnhofsartigen Spezialitätenpalast, als dessen kulinarisches Highlight Klapperschlangenfleisch angepriesen wird: In kleinen, wurmartigen, panierten Stücken angeboten schmeckt es, wie es klingt – eigentümlich.
Die Lokalszene in Old Scottsdale entspricht der einer größeren amerikanischen Provinzstadt. Aber mit etwas Glück findet man einen „Italiener“, der ansprechende Pasta serviert. Auch das Nightlife orientiert sich am amerikanischen „Geschamck“, originell allerdings eine Bar/Disco namens „Elias“, die jeden Abend mit Singles jenseits der fünfzig gesteckt voll ist. Somit bleibt die bereits beschriebene Attraktion des Ballonfahrens das aufregendste Arizona-Highlight abseits der Golfplätze.

Die Plätze:

The Boulders Club
36 Loch; North Course: Par 72, 4.480 bis 6.228 Meter; South Course: Par 71, 4.312 bis 6.150 Meter. Greenfee: 90–180 Dollar
www.bouldersclub.com

Troon North Golf Club
36 Loch; Monument Course: Par 72, 5.371 bis 6.464 Meter; Pinnacle Course: Par 71, 6.423 bis 7.025 Meter. Greenfee: 90–230 Dollar
www.troonnorthgolf.com

The Phoenician
27 Loch, drei 9-Loch Championshipkurse; Oasis Nine: Par 35, 2.339 bis 2.971 Meter; Desert Nine: Par 35, 2.253 bis 2.798 Meter; Canyon Nine: Par 35, 2.114 bis 2.750 Meter. Greenfee: 70–200 Dollar
www.thephoenician.com

Grayhawk Golfclub
36 Loch; Talon Course: Par 72; 4.702 bis 6.376 Meter; Raptor Course: Par 72, 4.854 bis 6.524 Meter. Greenfee: 100–225 Dollar
www.grayhawkgolf.com

Legend Trail Golf Club
18 Loch, Par 72, 4.572 bis 6.259 Meter.
Greenfee: 75–249 Dollar
www.legendtrailgc.com

TPC Scottsdale
36 Loch; Desert Course: Par 70, 4.217 Meter bis 5.873 Meter. Greenfees 78-120 $; Stadium Course: 5.090 bis 6.464. Greenfee: 73–280 Dollar
www.tpc.com/scottsdale

We-Ko-Pa Golf Club
36 Loch; Cholla Course: Par 72, 5.590 bis 6.606 Meter; Saguaro Course: Par 71, 4.627 bis 6.320 Meter. Greenfee: 75–210 Dollar
www.wekopa.com

Kierland Golf Club
27 Loch; Mesquite/Ironwood: 18 Loch, 6.385 Meter, Par 72. Acacia/Mesquite: 18 Loch, 6.290 Meter, Par 72. Ironwood/Acacia: 18 Loch, 6.346 Meter, Par 72. Greenfee: 60–199 Dollar
www.kierlandgolf.com

McCormick Ranch Golfclub
36 Loch; Palm Course: Par 72, 4.624 bis 7.044 Meter; Pine Course: Par 72, 4.876 bis 6.571 Meter. Greenfee: 55–152 Dollar
www.mccormickranchgolf.com

Sanctuary Golfcourse
18 Loch; Par 71, 6.656 Meter;
Greenfee: 60–125 Dollar
www.sanctuarygolf.com

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