Remax / Charles Lemire [0]

Konsequenz und Freude

H. Charles Lemire Jr., COO Remax Europa, schätzt die Morgenstunden am Golfplatz, den Regen und hat den gleichen Hund wie Tiger Woods. Auch Golf betreibt er ähnlich wissenschaftlich wie die Nummer 1 der Welt.

Das Foto-Shooting geht entspannt über die Bühne, Charles Lemire Jr., seit einem Jahr als Chief Operating Officer für den Immobilienriesen Remax Europa in Wien ansässig, genießt das Blitzlicht. „Ich war vor einigen Jahren mal in einem Werbespot für einen Maßschneider als Model zu sehen“, erklärt er seine Affinität zur Kamera.

Und genau so locker wie dieser Termin, scheint ihm sein restliches Leben von der Hand zu gehen, vor allem, weil er alles, was er macht, bis zur Perfektion betreibt. Auch Golf.

Mit 12 Jahren habe er begonnen, erzählt der bei Boston geborene Amerikaner, der seit nunmehr 13 Jahren für Remax rund um die Welt tingelt. Der Vater eines Freundes hatte einen 9-Loch-Platz, was den Einstieg quasi unumgänglich macht. Mit der für Amerika typischen Legerezza, also platzreifefrei, ist Lemire Jr. von Anfang an sein eigener Golfpro. Sein Wissen eignet er sich durch intensive Lektüre von einschlägigen Fachbüchern an, allen voran Butch Harmons Buch „Four Cornerstones of winning golf“.

Ein Wissen, dass er dann einige Jahre brach liegen lassen muss, weil das College Lemires ganze Aufmerksamkeit beansprucht und auf Sport, für Amerika untypisch, wenig Augenmerk gelegt wurde. „Ich hatte als Student auch sehr wenig Geld, und wenn ich eines hatte, dann wollte ich es lieber für andere Sachen ausgeben, als für eine Runde Golf“, erklärt der smarte Manager, fügt aber mit schelmischen Grinsen nach: „Wenn mich aber jemand zu einer Runde eingeladen hat, war ich mit Feuereifer dabei.“

Mit eben jenem Feuereifer steigt Lemire Jr., das Kürzel war nötig, weil sein Vater als Footballer bereits einen Namen hatte – „Er wurde von Green Bay Packers gedraftet“, erzählt der Junior nicht ohne Stolz – nach dem Collegeabschluss wieder intensiv in den Golfsport ein.

Und erarbeitet sich zunächst einen neuen Schwung. Nach vielen Jahren des Slicens, zum Schluss waren es bereits richtig krumme Bananen, wollte Lemire ordentliches Golf spielen.

„Mit Hilfe der vielen Golf-Bücher, die ich reihenweise verschlang, habe ich in gut zwei Jahren die Banane gerade gebogen. Seitdem ist ein sauberer Draw meine bevorzugte Flugbahn“, strahlt der Golf-Fanatiker, der auch im Fernsehen kaum ein Turnier auslässt.

Rasch entfachen sich an lässig eingeworfenen Namen eifrige Diskussionen, über das Geld, das den Golfsport mehr und mehr die Moral stiehlt, über Fahnenpositionen, Zauberschläge von Top-Pros und, unvermeidlich, Tiger Woods.
Mit der Nummer 1 der Welt verbindet Lemire nicht nur die beinahe bedingungslose Hingabe zum Golfsport und das ständige Tüfteln an der Technik, sondern auch die Liebe zu einer ganz speziellen Hunderasse: Woods und Lemire Jr. haben beide einen so genannten Golden Doodle zu Hause, eine Mischung aus Golden Retriever und Pudel, wobei der Remax-Geschäftsführer betont, „dass ich meinen früher hatte, als Tiger“.


Woods als Vorbild

Kennen lernen möchte Lemire den Tiger allerdings nicht, eine Altlast aus seiner Jugend hindert ihn daran. Lemire: „Mein Vater hat uns immer gedrilled ,don’t ever meet your heroes‘, du könntest enttäuscht sein, wie sie in Wirklichkeit sind.“ Und deshalb genießt der Immobilien-Boss Woods nur aus sicherer Distanz. Zusätzlich hat ein Erlebnis eines Freundes Lemire in seiner Haltung bestätigt: Bei einem Pro/Am mit einem der weltbesten Golfer ist Lemires Freund nach der Runde zum Superstar gegangen, um ihn zu fragen, was er von seinem Golf halte, immerhin spielte er scratch. Der PGA-Pro, der schon während der Runde kurz angebunden war, antwortete auf die Frage, wie er, Lemires Freund, sein Golf auf das nächste Level bringen könne, kurz mit: „Loft!“ Der wusste mit der Antwort wenig anzufangen und meinte, sein Ballflug sei doch einigermaßen in Ordnung, ehe der rüde PGA-Pro noch einmal „Loft“ bellte und es ausführt: Lack Of Talent! Lemire: „Ich verstehe schon, dass man nicht immer gut drauf sein kann, aber ein Umgang dieser Art ist für mich inakzeptabel, in jeder Hinsicht.“

Ebenso strikt geht Lemire mit dem Thema „Schwindeln“ um: Einmal dabei erwischt, stellt der ehrgeizige Amerikaner jegliche Konversation mit seinem Flightpartner ein, und eine Runde Golf mit dieser Person wird nicht wieder stattfinden. Lemire: „Es mag vielleicht etwas brutal klingen, aber da gibt es für mich nur schwarz und weiß. Und das Lederwedge gehört eben nicht ins Bag. Dafür gibt es ja die Golfregeln.“ So hat er dereinst auch den Respekt zu einem hohen Vorgesetzten, den Lemire außerordentlich schätzte, verloren, weil dieser fröhlich vor sich hinschwindelte.
Konsequenz zählt überhaupt zu den Lebensmaximen des 44-Jährigen, der seiner Frau bei der Hochzeit das Gelübde gab, nie am Wochenende Golf zu spielen. Lemire: „Jetzt sind wir 18 Jahre verheiratet und ich kann die Wochenendrunden an den Fingern meiner Hände abzählen. Und selbst die fanden mit meinem Schwiegervater statt.“
Gemeinsame Runden mit seiner Frau und den beiden Söhnen – auch die finden nur all zu selten statt – zählen aber zu den Highlights der Familie, wie der Bostoner erzählt: „Keiner von uns schafft alle 18 Loch, weil so viel gelacht wird, dass sich die Balken biegen. Einmal ist meine Frau bei einer Runde in Florida vor einem Alligator laut kreischend davon gelaufen, dabei war das Tier noch meilenweit entfernt.“

Linksgolfverknallt

Dass der Remax Europa-Geschäftsführer seine Golfleidenschaft auch entsprechend in der Auswahl der Plätze zu unterstreichen weiß, ist nicht weiter verwunderlich. „Ich liebe Europa und da vor allem Großbritannien und Linkskurse wie Kingsbarns oder Carnoustie“, verrät er seine golferischen Leibspeisen und kommt immer mehr ins Schwärmen. Eine 82 habe er in Carnoustie gespielt, bei brutalem Wind und von den Backtees, erinnert er sich gerne an die tolle Runde, die er mit einem Birdie auf Loch 18 krönt. Und gerät danach gleich wieder ins Philosophieren: Golf habe ihm so viel gelehrt, unter anderem wie schön entwaffnend eine Runde für den Charakter eines Menschen sein kann. „Ein Loch genügt meist, und du weißt, mit wem du es zu tun hast“, grinst der Manager, der die nächsten fünf bis sieben Jahre von Österreich aus die Geschicke von Remax Europa leitet und gerne Parallelen zwischen Golf & Business zieht: In beiden Fällen hat man es täglich mit so vielen sich ändernden Variablen zu tun, dass es für nichts eine Garantie gibt.

„Und genau deshalb muss man Golf fühlen, es studieren, genauso wie dein Geschäft. Nur dann wirst du Erfolg haben“, postuliert Lemire, der es genießt, mit Herausforderungen konfrontiert zu werden, im Geschäft wie am Golfplatz und fügt an: „Wenn zum Beispiel in einem Scramble ein wichtiger Putt ansteht, bin ich derjenige, der ihn machen will. Ich will der Anker sein, an dem sich das Team festhalten kann. Am Golfplatz, aber natürlich auch im Büro.“

ZUR PERSON:

H. Charles Lemire Jr.
COO Remax Europa
Geboren am: 3. April 1963,
verheiratet, zwei Kinder
Handicap: cirka 8 (so Lemire)
Lieblingsschläger: Driver
Lieblingsplätze: Carnoustie, Kingsbarns, Old Course/St. Andrews (alle SCO), Pebble Beach (CA/USA)

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