Mittwoch 11. Juni 2008, 10:48 Uhr

Komperdell [0]

Hinter einem Gummiberg

Innovationsgeist, Weitblick und eine große Leidenschaft für den Sport  – das zeichnet Erich Roiser, Wegbereiter Österreichs einziger Golfschläger-Firma KOMPERDELL, aus.

Die Erfolgsstory begann vor rund 40 Jahren in den USA, aber nicht mit Golf, auch nicht mit Gold, sondern mit Gummi, wie Thomas Weidinger auf seinem Firmenrundgang erfuhr.

Der erste Blick hinter die Kulissen des größten Golfartikel-Herstellers in Österreich bringt das erste große Aha: Ein unüberschaubares Lager an Carbonrohren, eine überschaubare, aber mit allen Finessen ausgestattete Fertigungsabteilung und last-not-least die Entwicklungs- und Forschungs-Abteilung, wo zwei Schwung-Roboter präzise Arbeit verrichten. Beide wurden firmenintern von den Haustechnikern entwickelt und gebaut, haben aber keinen Namen, obwohl sie so menschlich wirken – man kann sie nämlich auch auf fehlerhafte Golfschläge einstellen. Vielleicht werden sie ja doch noch getauft.

Golf allein macht nicht glücklich

Komperdell ist Österreichs einziger Golfschläger-Hersteller mit Weltruf – ein Anachronismus in einer Zeit, da der Markt von Mergern bestimmt wird. Man kann sich Golf leisten, weil das weltweite Geschäft mit Skistöcken prächtig funktioniert. Der Firmenrundgang mit Erich Roiser, Grand Signeur des Firmen-Imperiums Camaro & Komperdell, beginnt aber wundersamerweise mit einem großen Gummiberg. Denn bevor ich in die heiligen Hallen der Golfartikel-Manufaktur geführt werde, lotst mich Roiser auf dem 8.000 Quadratmeter großen Fabriksgelände durch die Produktionshallen der Neopren-Anzüge: Berge von Gummi stapeln sich hier, von flinken Händen zu qualitativ hochwertigen Surfer- und Taucher-Anzügen verarbeitet. Arbeiter schweißen an einer speziellen Maschine zwei Stoffteile mit Ultraschall – einer von Camaro eigens entwickelten und patentierten Technologie – nahtlos zusammen.

Ehe wir uns weiter umsehen eine kleine Rückblende, die uns den Werdegang von Komperdell und Camaro näher bringt: Erich Roiser, geboren 1940 in Klosterneuburg, verdingte sich (nach Absolvierung seines Sportstudiums in Wien) Anfang der 60er Jahre als Skilehrer in Amerika. Genauer gesagt in Alaska, wo er sieben Jahre lang als Manager einer großen Freizeit-Corporation über die Wintermonate in den USA weilte. Die Sommermonate verbrachte der begeisterte Wassersportler am Mondsee, wo er nicht nur eine Wasserskischule betrieb, sondern sich mit Feuereifer der Entwicklung und dem Testen von Wassersport-Equipment widmet. 1967 und 1968 erweisen sich später als die entscheidenden Jahre: Erstens lernt er seine Frau Heide, eine Tirolerin, kennen, um sie noch im selben Jahr zu heiraten. Und zweitens brachte er ein völlig neues Wassersport-Bekleidungsmaterial aus Amerika mit nach Österreich: Neopren! „Das war wie ein Lotto Sechser“, erinnert sich Roiser, „da hatte ich Glück und den richtigen Instinkt, denn Neopren kannte man in Europa noch überhaupt nicht!“ 1970 gründete er mit seiner Frau die Firma Camaro, benannt nach der schnittigen Automarke, die die Roisers in den USA fuhren. „Der Name war für die Patentklasse 25, Bekleidung, nicht geschützt. Aber das Auto ließ ich dann doch drüben, das hat zuviel Sprit gebraucht“, lächelt der findige Wahl-Oberösterreicher.

Durch den Windsurf-Boom in den 1970er und 80er-Jahren segelt die Firma auf einer prächtigen Erfolgswelle (sic!) und aus einem Team von fünf Mitarbeitern entwickelte sich die führende Wassersportmarke in Europa mit nunmehr rund 200 Mitarbeitern. Jährlich werden mehr als 100.000 Neoprenanzüge produziert und über 3.000 Händler weltweit beschickt.


Als die Skistöcke golfen lernten

Der Einstieg in den Golfbereich ist ebenfalls eine Mischung aus Glück und Weitblick, vor allem aber demonstriert er Roisers Sinn für Synergien. Denn lange bevor von Golfschlägern die Rede ist, kommt jenes Produkt ins Spiel, das der Firma eine weltweite Spitzenstellung einräumt: Skistöcke! 1983 übernimmt Roiser die in Wien angesiedelte, auf Skistöcke spezialisierte Firma Komperdell. Damit ergibt sich ein saisonal optimaler Ausgleich zum Sommersport-Geschäft. Die Produktion der Skistöcke wird aus logistischen Gründen ebenfalls an den Mondsee verlegt und innerhalb weniger Jahre mausert sich die Firma zum internationalen Markt- und Technologieführer in dieser Sparte. Jährlich produziert Komperdell 2 Millionen Skistöcke, also 1 Million Paare!

„Wir sind weltweit einer der größten Konsumenten von Carbon-Rohren. Naheliegend, dass durch diese Mengen die Hersteller alles und genau so machen, wie wir es brauchen – sei es mit Poron, einer extrem teuren, sehr zähen und harten Weltraum-Faser oder mit Kevlar, das auch zäh aber weicher ist“, erklärt Roiser den Unterschied in den facettenreichen Endprodukten.
1992 wagt sich Komperdell schließlich ins damals schon hart umkämpfte Golfbusiness. Ein wagemutiger Schritt, den Roiser aber gut zu argumentieren versteht: Erstens stagnierte damals das Geschäft mit den Skistöcken, weil die Winter aufgrund Schneemangels „schlechter“ wurden. Zweitens hatte man die Zulieferer von Carbonrohren schon bei der Hand, und durch die Einkaufsvolumen erhielt man unschlagbare Preise. Und drittens hat sich der umtriebige Firmenboss vor einigen Jahren schon mit Haut und Haaren dem Golfsport verschrieben, engagierte sich sogar als Gründungsmitglied des Golfclubs Am Mondsee. Als ob Roiser die Führung inszeniert hätte, betreten wir just in dem Augenblick die Golf-Abteilung.

Fast wäre mir ein „Schade“ rausgerutscht, angesichts der technischen Highlights und Innovationen in den Fertigungshallen und Labors der Neopren-Anzüge und Skistöcke. Ich verliere jetzt auch kein Wort über das beeindruckende Snap Lock-System der neuesten Skistock-Generation, denn …Dann kam Golf! 



Die Umstellung auf Golf war relativ einfach, weil Komperdell das Know How der Skistock-Produktion direkt in die Golfschäfte einfließen lassen konnte: Die einen (Skistöcke) sind konisch geformt, die anderen sind rund. Beiden ist gemein, dass sie von höchster Qualität sind, was der Golf-Philosophie von Komperdell entgegen kommt: Ein mittelmäßiger Schlägerkopf mit einem Spitzenschaft macht einen sehr guten Schläger, während der beste Schlägerkopf mit einem mittelmäßigen Schaft keine befriedigende Performance bringen kann. Die Schlägerköpfe kommen übrigens, wie in der Branche üblich, aus Taiwan. Hier am Mondsee werden aber nicht nur die einzelnen Komponenten zusammengebaut und mit dem jeweiligen Design versehen, hier wird auch geforscht und entwickelt – von den Putter- bis zu den Drivermodellen. Speziell bei den Puttern ist Komperdell eine der innovativsten Firmen, was nicht zuletzt am Erfindergeist von Roiser liegt.

Eines der frühesten Kapitel ist dabei die Erfindung des Soft-Touch-Putters mit Balata-Insert, das anfangs verboten war und von St. Andrews erst 1994 zugelassen wurde – mit dem Effekt, dass größere Firmen die Idee abkupferten und ein gutes Geschäft damit machten. Doch das konnte und kann Roiser nicht erschüttern. Unermüdlich forscht er weiter und verschwendet kaum Gedanken daran, seine Erfindungen zu patentieren. Umgekehrt schaut er sich sehr genau an, was andere Firmen so entwickeln und holt einen sehr dicken Ordner voll mit Golf-Patent-Anmeldungen (das kann man abonnieren) aus aller Welt hervor. Was er zum „Abkupfern“ in der Branche sage, frage ich ihn, und bringe als Beispiel jene Komperdell-Driver, die mit Gewichtsverteilung und Schrauben arbeiten – das kenne man doch von einer anderen Marke? Roiser pariert gewandt: „Die Geschichte mit der Gewichtsverteilung ist uralt! Die ersten Schrauben wurden von uns vor rund zwölf Jahren in Schlägerköpfe eingearbeitet. Zusätzlich sollte Öl im Schlägerkopf durch die Schwungbewegung beim Impakt zu einer Art Doppelschlag führen. Allerdings wurde die Erfindung von St. Andrews nicht erlaubt.“

Natürlich schaue man sich die Mitbewerber genau an, so Roiser, weil sich in der Industrie die Firmen gegenseitig beflügeln. Frei nach dem Motto: Das ist ganz gut, aber ich mache das noch besser! „Nehmen wir als Beispiel Ely Callaway: Der hat 1990 angefangen, war Weinhändler und hat nicht mal ordentlich Golf spielen können. Aber er hatte großartige Innovationen und Marketing-Ideen. Der war immer ein Vorbild von mir und ich hab mir gedacht: Was der kann, kann ich auch…“ Vielleicht nicht in der Menge, aber in der Angebotsbreite steht Roiser seinem Vorbild um nichts nach: Neben den Schlägern, Bällen, Bags, Regenbekleidung bilden Trolleys einen weiteren Schwerpunkt. Von den in metallischen Farben daher rollenden E-Trolleys wurden allein im letzten Jahr bereits rund 3.000 Stück verkauft und an einem in Technik und Design revolutionären E-Car (mit Lithion-Ionen-Batterien) wird gerade getüftelt. Man darf gespannt sein!

Das Geheimnis eines Erfolges

Was Komperdell auszeichnet ist das besondere (sogar in Web-Foren hoch gelobte) Service – in allen Bereichen. Das beginnt bei den Schlägern, wo innerhalb von ein paar Tagen ein Maßset zusammen gebaut und geliefert wird und geht bis zu den Reparaturen, die absolut großzügig gehandhabt werden. Ein wichtiger Faktor ist auch die permanente Innovation, laut Roiser das Um und Auf für ein gesundes Wirtschaftswachstum. „Und eine positiven Einstellung! Mit der geht alles einfacher, im Geschäft wie auch beim Golf“, lächelt Roiser und entlässt mich aus seinem bunten Kosmos in eine Welt, wo Skistöcke, Neopren-Anzüge und Golfschläger wieder getrennte Wege gehen.

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