Von Mythen und Menschen [0]

Im täglichen Trainingsbetrieb schlagen sich im Wortsinne Lehrer und ihre Schüler mit einem Sammelsurium von Wissenschaften und Weisheiten herum. Einige ­Mythen halten sich hartnäckig, wissen Pro Christoph Bausek und Trackman Manager Emanuel Frauenlob.

Was, liebe Golferinnen und Golfer, ist ein Mythos? Gemeinhin eine Überlieferung, eine Erzählung, die Wiedergabe einer Überzeugung ohne Anspruch auf Richtigkeit. Auch die Golfwelt wimmelt von Mythen, im klassischen wie auch im modernen Sinn. Der Mythos Tiger Woods ist ebenso hinlänglich bekannt wie der Mythos Augusta – gerade jener hat sich vor kurzem selbst dekonstruiert, ist doch mit der erstmaligen Aufnahme von Frauen in den elitärsten Golfzirkel der Welt eine der letzten männlichen Bastionen gefallen.

In Golfers weiter Trainingswelt tummeln sich aber zudem eine ganze Reihe von Lehrmythen, die das grundlegende Verständnis des Schlagablaufs bisweilen reichlich verzerren. Und so hat sich Teaching Pro Christoph Bausek vom GC Herzog Tassilo in Bad Hall zusammen mit Emanuel Frauenlob, Sales & Marketing Direktor Europa der Firma Trackman, daran gemacht, einige dieser Mythen für unsere Leser zu entlarven. Dekonstruktion für Lernwillige in drei Schritten, frei nach dem französischen Philosophen Roland Barthes: „Der geschriebene Diskurs, der Sport, aber auch die Photographie (…) kann Träger der mythischen Aussage sein.“

 

1. Mythos: Distanz – um meine Schläge länger werden zu lassen, braucht es mehr Schlägerkopfgeschwindigkeit.

Natürlich sollte es an Schlägerkopfgeschwindigkeit nicht mangeln, schließlich braucht es Energie, um den Ball in die Luft zu befördern – es ist aber dabei nicht von ausdrücklicher Relevanz, dass die Schlägerkopfgeschwindigkeit bis ins Maßlose gesteigert werden muss. Viel wichtiger für den Längengewinn ist die richtige Kombination aus Schlägerwinkel und der Position des Balles am Schlägerblatt im Treffmoment. Bauseks und Frauenlobs Empfehlung für einen gelungenen langen Drive:

Es bedarf eines mittig getroffenen Balls, im Treffmoment sollte sich der Driver dabei leicht in Aufwärtsbewegung befinden. Dies bedeutet eine Verbesserung der Qualität des Treffmonments, des sogenannten „Smash Factor“. So kann sich allein durch den möglichst mittig getroffenen Ball bei gleichbleibender Schlägerkopfgeschwindigkeit die Ballgeschwindigkeit und somit die Carry-Distanz des Schlags deutlich steigern lassen.

2. Mythos: Der Slice – wenn es den Ball aus der Richtung zieht, muss die Schlagfläche geöffnet gewesen sein.

Fraglos, der Schwung von außen nach innen und die geöffnete Schlagfläche verursachen den gerade bei Anfängern gefürchteten Slice. Doch selbst wenn sich dieser Fehler ausmerzen lässt – der Slice kann noch immer auftreten. Bausek erklärt:

Inbesondere bei den Hölzern, aber abgeschwächt auch bei den Eisen, entwickelt sich zwischen Ball und Schlägerblatt der sogenannte „Zahnradeffekt“. Treffe ich den Ball bei einem idealen Schlag exakt mittig, gerät der Schlägerkopf nicht in Rotation und der Ball wird eine gerade Flugbahn nehmen. Wird der Ball allerdings nicht zentral getroffen, reißt es die Schlagfläche bei einem Treffer an der Außenseite auf, bei einem Treffer in Richtung der Ferse hingegen zu. Dadurch entsteht eine Gegenbewegung des Balles, die zu einem Hook bzw. Slice führt. Bausek und Frauenlob raten im Namen der Golfphysik: Der Slice entsteht nicht nur durch die offene Schlagfläche – die Impactlocation, also der Treffpunkt des Balles am Schlägerkopf,  spielt dabei ebenso eine Rolle. Achten Sie also vor allem auf den Treffpunkt zwischen Ball und Schlägerkopf– bereits kleine Abweichungen von der Mitte führen aufgrund des Zahnradeffekts zu enormen Richtungsänderungen.

3. Mythos: Die Ausrichtung – ich suche mir ein Ziel, richte mich entsprechend danach aus und schlage dann gerade in dessen Richtung.

Angenommen, wir versuchen den leichten Schlag aus 100 Metern ins Grün. Alles an diesem Schlag läuft perfekt. Schwung, Treffmoment, Schlägerkopfposition, Haltung. Und dennoch landet der Ball nicht im Ziel – Bausek und Frauenlobe wissen Rat:

Wir visualisieren den Weg des Schlägers beim Schwung mit Hilfe dieses HoolaHoop-Reifens. Bei einem Eisenschlag ist es unser Ziel, den Ball in der Abwärtsbewegung zu treffen, um vor dem Boden Kontakt mit dem Ball zu erreichen. Da es sich aber bei einem Golfschlag nicht um eine senkrechte, sondern eine seitlich geneigte Ebene handelt, zeigt der Schlägerkopf in der Abwärtsbewegung automatisch leicht nach rechts. Es ist also wichtig zu wissen, in welche Richtung der Schwungpfad weist. Drehe ich nun das gesamte System, also Körper und Schwungebene, ein Stück nach links, korrigiere ich diesen Effekt (siehe Foto unten rechts). Ohne am Schwung selbst etwas verändern zu müssen, wird der Ball nun gerade in Richtung Ziel fliegen.

Tricky Trackman

Bausek und Frauenlob empfehlen Fortgeschrittenen wie Anfängern eine exakte Schwunganalyse mittels des Trackman-Systems. Trackman zeichnet, anders als das herkömmliche Videobild, nicht nur einen visuellen Eindruck des Golfschwungs, sondern spuckt zudem einen ganzen Berg an Daten aus, mit deren Hilfe zertifizierte Trackman Master wie Christoph Bausek das Schlagverhalten der Spieler genauestens untersuchen und korrigieren können. „Die Daten, die wir ermitteln, verraten uns viel mehr als der bloße Blick auf ein Video“, erklärt Bausek, „und durch das Datenmaterial können wir Fehler entlarven, die wir im Video überhaupt nicht sehen können.“Unsere kleinen Anregungen sollten dazu dienen, Ihnen zu zeigen, dass Lehrmeinung nicht gleich Lehrmeinung ist. Nichtsdestotrotz bleibt die Golfwelt ein Universum aus Empfehlungen, Erzählungen und vor allem: kontinuierlichem Training. Und das ist auch gut so, denn letztlich stehen Sie selbst auf dem Platz und schreiben Ihren persönlichen Mythos Golf.

Christoph Bausek
Golfschule „Christoph Bausek Progressive Golf“
Golfclub Herzog Tassilo

www.christophbausek.at
Mobil: +43/ 676 / 8807 6767


Ähnliche Artikel aus dem Archiv

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar