Der Trick mit dem Po [0]

Mal ehrlich, wie schwer kann es denn schon sein? Ziemlich. Also: Hintern raus, leicht in die Hocke… und…wenn das jetzt nicht gleich klappt, mach ich was kaputt.

<em>„Damen haben eine gottgegebene Ruhe, um mit Idioten wie mir, der ich in Sachen Golf bin, umzugehen.“ </em>

Vom Rookie zur Platzreife – keine leichte Prüfung

Text: Christian Seidel  Fotos: Jürgen Skarwan

Wenige Stunden hat der Tag gebraucht, um das Land in himmlischen Frieden zu versetzen. Etwas Nebel am Waldrand umspielt die Idylle wie ­Vanillesoße den Apfelstrudel. Wie wärmend. Wer will sich bei so viel Schönheit die Laune von sporadischem Nieselregen verderben lassen? Vor allem, da er den Rasen des Platzes in ein so sattes Grün färbt, dass man glauben könnte, der Greenkeeper hätte mit dem Malkasten seines Kindes nachgeholfen.

Aber Herrgott nochmal, mir platzt gleich der Kragen, und dann fälle ich die Bäume, blas den Nebel weg und zertrample den Rasen. Als Geduldsmensch bin ich ungeeignet. Schon wieder flog der Ball, na ja, fliegen ist vielleicht zu beschönigend, nur ein paar Meter. Und das höchstens in eine Art Richtung mit einer Art Flugbahn. „Der Hintern muss weiter raus“, spricht Sandra ­Fischer, der Coach für meinen Golfkurs samt Platzreife. Ich kann es nicht mehr hören. Nächster Fehlversuch. „Hintern weiter raus.“ Das Gesäß spielt nämlich eine zentrale Rolle beim Golfspiel.

Aber von vorn
Die Idee ist, Golf zu lernen. Dazu eigne ich mich, ich kann es nämlich nicht, womit Hürde eins genommen wäre. Sandra Fischer sei die richtige Trainerin für mich, sagt Klaus Nadizar, der Chefredakteur der Golfrevue, dem glaube ich, der ist nämlich auch kein Geduldsmensch.
Damen haben eine gottgegebene Ruhe, um mit Idioten wie mir, der ich in Sachen Golf bin, umzugehen. Fachkompetenz voraus­gesetzt. Gutes Stichwort: fünffache Staatsmeisterin, dreifache österreichische Damen-Ranglistensiegerin, ehemalige Nationalspielern, eigene Golfschule. In Letzterer kostet ein fünftägiger Kurs, der, wenn alles glattgeht, mit der Platzreife endet, 299 Euro.

Sandra weiß, wie man beginnen muss. Mit Action. Zuerst wird der richtige Schlägergriff samt Grundstellung geübt. Der Schläger wird quer über den linken Handballen gelegt, die Finger greifen beherzt zu. Die rechte Hand greift über den Daumen der linken. Beine hüftbreit spreizen, leicht in die Knie gehen, Hintern raus. Rechten Arm gerade, linken leicht angewinkelt, Gewicht auf das rechte Bein verlagern. „Jetzt locker durchschwingen.“
Locker? Sehr witzig. Was so professionell aussieht, ist in Wahrheit ein einziger verkrampfter Muskel. So müssen sich Rassehunde bei Ausstellungen fühlen. Aber gut. Die ersten Schwünge sind, bei aller Bescheidenheit, vorbildlich. Der Schläger streift leicht über das Tee und erzeugt so ein befriedigendes „Schrabb“-Geräusch.

„Damen haben eine gottgegebene Ruhe, um mit Idioten wie mir, der ich in Sachen Golf bin, umzugehen.“

„Jetzt mit Ball“, meint Sandra optimistisch. Vielleicht soll auch nur das selbstzufriedene Grinsen aus meinem Gesicht verschwinden. Der Ball stolpert vom Abschlagplatz und rollt, ein kleiner Teilerfolg, auf den Golfplatz. Die Kunst wahrer Könner vom Schlage ­eines Tiger Woods – und seien wir ehrlich, wen kennt man als Laie sonst – ist es, es einfach aussehen zu lassen. Sieht man Woods schlagen, Federer über den Tennisplatz oder Dirk Nowitzki über den Basketballcourt schweben, schnalzt man nicht bewundernd mit der Zunge, man denkt: „So einfach ist das also.“

Sandra korrigiert meine Haltung. Den einen Finger ein paar Millimeter weiter nach rechts, die rechte Hand weiter nach links, vor allem aber den Hintern weiter raus. Daran kann es jetzt doch nicht gelegen haben. Diese Details können nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden. Doch. Der Ball fliegt. Etwa 50 Meter. An diesen Kleinigkeiten soll es gelegen haben? Zur Verdeutlichung greift Sandra zum Schläger. „Stell dir vor, in der Mitte steht ein Baum, und ich will links vorbei.“ Zack. Der Ball macht etwa 120 Meter und beschreibt dabei eine Linkskurve. „Jetzt will ich rechts vorbei.“ Zack. 120 Meter. Rechtskurve. Was sie anders gemacht hat, sieht der Laie nicht. Es sieht nur locker, selbstverständlich und elegant aus. Rein optisch also das genaue Gegenteil von mir.

Demut kommt auf. Ich brauche eine Pause.
Deswegen Golftheorie. Regelwerk.

„Die Regeln sind einfach: Man muss sich nur fragen, was ein Gentleman tun würde. Noblesse oblige. Alles, was ­einem das Spiel erleichtern würde, bringt einen Straßstoß.“

Letztlich sind die Regeln leicht zu merken, bedenkt man, dass Schottland als das Mutterland des Golfsports gilt. Oder anders: Noblesse oblige. Man muss sich nur fragen, wie ein Gentleman handeln würde, und die Regeln lassen sich schnell herleiten. Alles, was einem das Spiel in einer schwierigen Situation erleichtern würde, bringt einem einen Strafschlag. Den Schläger nicht im Bunker absetzen. Unspielbar gelandete Bälle neu abschlagen. Ballposition (wenn unspielbar) verändern. Strafstoß.

Auch die Schlägerkunde ist leicht, weil logisch. Man beginnt beim 9er-Eisen und zählt runter bis zum 4er-Eisen. Mit jeder Nummer werden der Schläger und die mögliche Flugdistanz länger. Dann kommen noch das 5er-, 3er- und 1er-Holz. Letzteres heißt auch Driver und ist am schwersten zu verwenden. Es ist der ­längste Schläger. Den Putter kennt sowieso jeder. Den Sand- und Pitchingwedge braucht man, um aus Bunkern oder tiefem Gras zu kommen. Fertig.

Aber das Allerwichtigste, und das ist den Schotten gar nicht hoch genug anzurechnen, ist die strenge Etikette. Dem schlechtesten Spieler lässt man stets den Vortritt, Schäden am Rasen müssen repariert werden, bei Schlägen des Mitspielers hat man ruhig zu sein, man muss sich vernünftig anziehen. Golfkleidung, speziell die Schuhe, haben einen enormen Chic. Danke dafür. Jetzt müssen nur noch Strafschläge für Leute mit hochgeklapptem Kragen eingeführt werden.

Letzte Lektion vor der Platzreifeprüfung: Pitchen, Chippen und Putten. Die ersten beiden dienen dazu, den Ball auf das Grün, also das adrett frisierte Gras rund um das Loch, zu manövrieren. Profis pitchen – nomen es omen mit dem Pitchingwedge – aus bis zu 100 Meter Entfernung, sagt man mir. Ich aus drei Metern. Der Ball fliegt verhältnismäßig hoch und landet steil. Dadurch entstehen Pitchmarken. Also Dellen im Gras. Die müssen, der schottischen Etikette sei Dank, per Pitchgabel aus­gebessert werden. Wem das zu nervig ist, der chipt. Dabei sollte der Ball flacher fliegen, ­dafür aber länger rollen.

„Danke für den enormen Chic und die Etikette. Jetzt müssen nur noch Strafschläge für Spieler mit hochgeklapptem Kragen eingeführt werden.“

Für beides gilt: Hintern nicht mehr so weit raus. Gewicht auf das linke Bein verlagern. Putten ist nervtötend. Der Schläger ist für Mr. Ungeduld zu sensibel. Ich weiß, dass mir später das Putten mein Handicap versauen wird. Damit muss ich jetzt schon umzugehen lernen, nicht dass später Unschuldige verletzt werden. Die Prüfung zur Platzreife läuft problemlos. Auch wenn ich für mein erstes Probeloch in etwa so viele Schläge brauche wie Sandra für den gesamten Platz in Bad Waltersdorf, wo sie mit 63 Schlägen den Platzrekord hält. Aber das Schöne am Golf ist, in welcher Geschwindigkeit Anfänger mit der richtigen Anleitung Fortschritte machen können. Und wenn nicht, einfach Hintern raus.

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